Psychologe Imhoff: Diversere Gesellschaft kann Vorurteile verändern

Psychologe Imhoff: Diversere Gesellschaft kann Vorurteile verändern
In Debatten um Migration, Gender oder Bürgergeldempfänger kommen auch vorurteilsbeladene Töne vor. Der Mainzer Sozialpsychologe Roland Imhoff forscht zu Stereotypen und erklärt, wie sie entstehen und wann sie problematisch werden.
17.01.2026
epd
epd-Gespräch: Nils Sandrisser

Mainz (epd). Der Mainzer Sozialpsychologe Roland Imhoff mahnt diversere gesellschaftliche Institutionen an, um gegen Vorurteile vorzugehen. „Wenn ich aber ein Kabinett vorstelle, das zu 90 Prozent aus Männern besteht, dann ist das nicht hilfreich, um Geschlechtsrollenstereotype aufzuweichen“, sagte der Forscher dem Evangelischen Pressedienst (epd). Werde die Welt bunter, diverser und vielfältiger, sickere das irgendwann in die Köpfe der Menschen ein.

Die psychologische Forschung registriere seit einiger Zeit einen wachsenden Einfluss von Stereotypen, vor allem eine stärkere Selbststereotypisierung in den Geschlechterrollen, sagte Imhoff. „Frauen beschreiben sich selbst mehr als fürsorglich und Männer mehr als durchsetzungsfähig als noch vor 20 Jahren“, sagte er. „Zumindest in der Tendenz greifen Menschen also in ihrer Selbstwahrnehmung stärker auf Stereotype zurück, die ihnen vielleicht einen Halt geben oder eine Idee, wer sie sein sollen.“

Wichtig als kognitive Krücken

Ob Stereotype problematisch für die Gesellschaft würden, hänge vom jeweiligen Einzelfall ab, erläuterte Imhoff weiter. Es gebe Asymmetrien zwischen Männern und Frauen bei Gewaltkriminalität oder bei riskantem Verhalten im Straßenverkehr. „Wenn man sich anschaut, wie Männlich- und Weiblichkeit traditionell konstruiert werden und welche überdauernden gesellschaftlichen Kosten das verursachen kann, dann geht damit schon eine Menge von Problemen einher“, sagte der Wissenschaftler.

Stereotype sind nach Imhoffs Worten aber immer da und als kognitive Krücken auch wichtig. „Die Sozialpsychologie geht davon aus, dass sie zwingend notwendig sind, um in der sozialen Umwelt zu navigieren“, sagte er. „Bei acht Milliarden Erdenbewohnern können wir uns ja nicht alle merken.“

Kleiner Schritt vom Stereotyp zum Vorurteil

Viele Stereotype seien unverfänglich oder unproblematisch. Das Vorurteil hingegen sei „der problematische Bruder des Stereotyps“, sagte Imhoff, zwischen beiden sei es oft nur ein kleiner Schritt. Vor allem interreligiöse oder interethnische Stereotype seien von einer negativen Bewertung selten ganz frei: „Sie sind oft aufgeladen mit einer Abwertung und der Bereitschaft, zu diskriminieren oder den Zugang zu gleichen Ressourcen zu verweigern. Wenn ich der Meinung bin, dass Arbeitslose faul sind, legt das nahe, dass es nicht angebracht ist, Bedürftige zu unterstützen, weil die an ihrem Schicksal selbst schuld seien.“

Das sei natürlich ein problematischer Schluss. All diese Prozesse könnten von Stereotypen befeuert werden. „Wir werden nicht verändern können, dass wir uns auf Stereotype verlassen“, sagte der Wissenschaftler. „Aber wir können den Raum innerhalb dieser Stereotype reicher und breiter gestalten.“