Köln, Berlin (epd). Im zu Ende gehenden Jahr sind nach Angaben von Unicef Deutschland so viele Kinder in Krisen- und Konfliktgebieten aufgewachsen wie nie zuvor. Fast jedes fünfte Kind weltweit sei von solchen Krisen betroffen, erklärte das UN-Kinderhilfswerk am Dienstag in Köln bei der Vorlage seiner Jahresbilanz. Das seien fast doppelt so viele wie Mitte der 1990er Jahre.
Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) äußerte sich angesichts der Bilanz besorgt. „Kinder zahlen weltweit den höchsten Preis für Kriege, Krisen und Ungleichheit“, erklärte die Ministerin.
Das Jahr war laut Unicef für Millionen Mädchen und Jungen von schweren Kinderrechtsverletzungen geprägt. In Krisengebieten - wie etwa im Gaza-Streifen, im Sudan oder in der Ukraine - seien Kinder in täglicher Lebensgefahr durch Waffen, Hunger und fehlende Grundversorgung. „Die Kinder in den Kriegsgebieten sind weit entfernt von einer Kindheit, die diesen Namen verdient“, sagte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider. „Viele haben Depressionen, Schlafstörungen und Entwicklungsverzögerungen.“
Höchststand an schweren Kinderrechtsverletzungen registriert
Die Vereinten Nationen hätten zudem einen Höchststand schwerer Kinderrechtsverletzungen und Angriffe auf humanitäre Helfer festgestellt. Laut einem Unicef-Bericht wurden in den ersten neun Monaten dieses Jahres allein in der Demokratischen Republik Kongo mehr als 35.000 Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder registriert.
Bei der Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung gibt es kaum Fortschritte und einen starken Anstieg der Betroffenen auf dem afrikanischen Kontinent. Nach UN-Zahlen sind weltweit rund 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt und 150 Millionen chronisch mangelernährt.
Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit
Alabali Radavon warnte vor einem Rückzug wohlhabender Staaten aus ihrer Verantwortung. Dies verschärfe globale Ungleichheiten, destabilisiere Regionen und raube Millionen Kindern ihre Zukunftsperspektiven, sagte die Entwicklungsministerin: „Wer heute den Blick nur nach innen richtet, riskiert morgen noch größere Krisen.“
Viele Geberstaaten, allen voran die USA unter Präsident Donald Trump, haben ihre Ausgaben für die Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe deutlich reduziert. Auch im deutschen Bundeshaushalt wurden die Mittel gekürzt. Für 2026 stehen dem Entwicklungsministerium rund 10,06 Milliarden Euro zur Verfügung. 2023 lag der Etat noch bei 12,1 Milliarden Euro.
Unicef warnt vor Verschärfung
Unicef warnte vor einer Verschärfung der Lage. Statt der Beseitigung von extremer Armut näherzukommen, bedrohten die weltweiten Konflikte, die Folgen der Klimakrise, die Kürzungen internationaler Hilfen und steigende Staatsverschuldungen jahrzehntelange Errungenschaften, mahnte das Hilfswerk. 417 Millionen Kinder litten mittlerweile unter schwerwiegenden Entbehrungen - etwa in den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Wohnen, Bildung, Sanitärversorgung und Wasser.
„Hunger und Kinderarmut sind kein Schicksal wie eine Naturkatastrophe, die uns plötzlich und unvorbereitet trifft“, betonte Geschäftsführer Schneider. „Sie zeigen ein eklatantes Versagen unserer globalen Politik und unserer Gesellschaft gegenüber unseren Kindern.“