Engel aus der Asche

Engel in der Kunst

Foto: Rosemary Laing

Weather #5 heißt das Engelbildnis der australischen Künstlerin Rosemary Laing.

Engel aus der Asche
Mit Paul Klees in Tusche und Aquarellkreide gezeichneten Engeln brach eine radikale Wende ein: Das menschlich Defizitäre, die Sterblichkeit und Unvollkommenheit zeigte sich auch bei den Himmelswesen. Eine Ausstellung in Bern macht sich auf die Suche nach den Engeln in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Der Engel schwieg. Das Grauen um ihn her hatte ihn verstummen lassen. Was hätte er auch sagen sollen in Anbetracht der Trauer, der Trümmer, der Toten? Welche Botschaft hätte er noch übermitteln können – hier, vor den Scherbenhaufen der europäischen Nachkriegsstädte? Seine Ohnmacht war doch ganz offensichtlich. Besser also, er sagte nichts. „Der Engel schwieg“, so lautet der Titel eines frühen Romans des deutschen Nachkriegsliteraten Heinrich Böll. Zugleich hätte es der Titel über einem ganzen Jahrhundert sein können. Nach Revolutionen, Kriegen und Vertreibungen schienen die himmlischen Heerscharen stumm geworden zu sein – schweigsame Stellvertreter des „deus absconditus“;  Melancholiker, die des Posaunespiels so müde geworden waren wie der metaphysischen Botendienste.

Klima für Engel

Dass ihr Flügelschlag nicht gänzlich erlahmt war, zeigt die Ausstellung "Die Engel von Klee", die bis zum 20. Januar im Berner Zentrum Paul Klee zu sehen ist. In der Kunst hatten die Engel einen Ort zum Überwintern gefunden. Im 20. Jahrhundert, so hat es die Lyrikerin Ulla Hahn einmal formuliert, herrschte ein regelrechtes „Klima für Engel“. Sie bevölkerten die Romane, die Gedichte, die Schlagertexte. Sie wachten über den Kinos und über den Kunstpalästen. Doch sie waren ganz anders, als all ihre Ahnen in den Epochen zuvor. Keine barocken Pausbäckler, keine in Watte gepackte Flügelpüppchen.

Die Engel der Moderne hatten die luftigen Höhen verlassen und glichen sich allmählich den Sterblichen an. Sie wurden wie wir: hehr und hilflos, hübsch und hässlich, schwarz und weiß. Keine goldblondierten Seraphime, keine Cherubime auf „Wolke sieben“. Die Kunst der Moderne hatte aus den Engeln zwiespältige Wesen gemacht – Figuren, festgeklemmt zwischen Himmel und Hades.

Radikaler Wandel

Es war um das Jahr 1920, als sich die Engelsdarstellung radikal wandelte. Damals hatte der deutsche Maler Paul Klee eine auf den ersten Blick unscheinbare Figur aus Tusche und Aquarellkreide zu Papier gebracht: den "Angelus Novus" - den neuen Engel. Er war ein fragiles und flatterhaftes Wesen. Weit waren seine Augen aufgerissen und fahrig waren seine Flügel gespannt. Auf bräunlich verwaschenen Hintergrund gab er eine fast jämmerliche Figur von sich ab.

Doch vor dem historischen Irrsinn der bald noch kommen sollte, sollte der "Angelus Novus" zum Sinnbild einer himmlischen Ohnmacht werden. 1940, inmitten des Zweiten Weltkriegs, schrieb der jüdische Kulturphilosoph Walter Benjamin über Klees kleine Engelsfigur: "Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann."

Engel mit menschlichem Makel

Klees Engel ist ein Heros, der helfen will, ohne dass er noch helfen könnte. Einer, der in seiner Schwäche zahlreiche Geschwister hat. Unermüdlich und bis in seine letzten Lebensjahre hinein hat Paul Klee solche kleine Engelsfiguren gezeichnet. Mal hat er sie "Schellen Engel" genannt, mal "Chindlifrässer". Mal hat er sie aus verspielten Linien zusammengesetzt, mal waren es komplexe Tuschezeichnungen. So sind über die Jahre 77 Götterboten zusammengekommen.

Mephisto als Pallas von Paul Klee aus dem Jahr 1939.

Klees Engelsbilder sind in Bern zusammen mit Werken von gut zwanzig weiteren Künstlern des vergangenen Jahrhunderts zu sehen. Es ist eine Ausstellung, die den Einfluss des "Angelus Novus" auf die Kunst der vergangenen Jahrzehnte untersuchen will - auf Fotografien von Pierre et Gilles oder auf das neue Schamanentum von Joseph Beuys, auf Filme von Charlie Chaplin oder auf Multimediadarstellungen von Mariko Mori.

Das Fazit dieser Schau ist ganz offensichtlich: So unterschiedlich die künstlerischen Flügelwesen im einzelnen auch gewesen sein mochten, immer hatten sie einen menschlichen Makel, immer zeigten sie ein "Nicht-Vollendetsein". In Klees eigenen Worten waren sie mal "noch hässlich", mal "unfertig", mal "vergesslich", mal "noch weiblich". In dieser Unzulänglichkeit aber waren sie Wesen wie wir. Boten, geschaffen nach unserem Bilde: notdürftig, fehlerhaft und mit Mängeln bestückt. Sie erfüllten unsere Sehnsucht nach Spiritualität, näherten zugleich aber auch einen berechtigten Zweifel.


Immer wieder, so zeigt diese Berner Ausstellung, hat sich die Kunst des 20. Jahrhunderts an diesem mythischen Mischwesen abgearbeitet. Klees Geist schwebt durch Wim Wenders Filmklassiker "Der Himmel über Berlin" und durch Murnaus Faust-Verfilmung. Er findet sich auf Bildern der konzeptionell arbeitenden Fotokünstlerin Rosemary Laing oder auf einem schwarzweißen Foto der Amerikanerin Francesca Woodman. Die hatte 1977 einer Serie von Selbstinszenierungen mit dem Titel "On Being an Angel" geschaffen. Auf einer dieser Fotos zeigt sich die junge Künstlerin als ein zur Erde herabgestiegenes Lichtwesen. Ihr Körper auf dieser Langzeitbelichtung ist schillernd transparent, ihre Flügel hat sie hinter sich abgestreift.

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Wer darum weiß, dass die sensible Künstlerin nur wenige Jahre nach dieser Aufnahme von einem New Yorker Hochhaus aus in den Tod gesprungen ist, der erahnt die ganze Tragik, die in dieser Aufnahme verborgen liegt. Die "neuen Engel", sie sind eben hilflose Wesen ohne schützende Flügel. Botschafter ohne sichere Botschaft. In den schmerzhaftesten Zeiten haben sie zu schweigen begonnen. Doch was hätten sie auch sonst tun sollen in Anbetracht eines aus den Fugen geratenen Jahrhunderts?