Fußball ist mehr als ein 5:2

epd-bild/Gustavo Alabiso

Training der Fußballmannschaft der "Südpfalzwerkstatt" der Lebenshilfe in Offenbach an der Queich.

Fußball ist mehr als ein 5:2
Beim pfälzischen FSV Offenbach gehören behinderte Kicker zum Vereinsalltag
Eine Studie belegt: Fußball in den Werkstätten für behinderte Menschen fördert die Integration. Besonders dann, wenn Vereine die Kooperation suchen und Kontakte bieten. Der pfälzische FSV Offenbach macht seit Jahren vor, wie das geht.

Jürgen Knorr hatte das dicke Ende kommen sehen. Die Fußballer der "Südpfalzwerkstatt" der Lebenshilfe in Offenbach an der Queich sind in der Qualifikation für das Finale der "Deutschen Fussball-Meisterschaft der Werkstätten für behinderte Menschen" im September gescheitert. Neuer Landesmeister in Rheinland-Pfalz wurde überraschend das evangelische Diakoniewerk Zoar-Kaiserslautern. Offenbachs Kapitän Knorr (46), wegen einer Knieverletzung angeschlagen, ist aber auch mit dem dritten Platz zufrieden. "So ist Fußball. Nächstes Jahr greifen wir wieder an", sagt der Ex-Nationalspieler des Deutschen Behindertensportverbandes.

"Die Erwartungshaltung ist bei unseren Spielern sehr hoch", sagt Trainer Karl-Heinz Eberle (65). Bei sechs Endrunden war sein Team als Rheinland-Pfalz-Meister schon dabei. 2006 schafften die meist geistig Behinderten ihr bestes Ergebnis: Der grüne Wimpel des Deutschen Fußball-Bundes für den dritten Platz hängt in einer Vitrine im Foyer der Werkstatt. Im Vorjahr landeten die Pfälzer auf Rang acht.

Den Doppelpass lässt der Trainer zigfach wiederholen

Der ehrenamtliche Trainer Eberle gehört nicht zur Werkstatt. Er ist Mitglied des örtlichen FSV Offenbach und das Gesicht einer vielgelobten Kooperation zwischen Verein und Behinderten-Werkstatt. Der Ruheständler spielte selbst, trainierte im Verein die Frauen und ist aktiver Schiedsrichter mit über 1.500 geleiteten Spielen. Seit sieben Jahren trainiert er nun die behinderten Kicker. Ihm zur Seite stehen Roland Busch und Marc Hauck als Mitarbeiter der Werkstatt.

Eberle schult seine Schützlinge in einer Mischung aus Nähe und Distanz, knufft die Spieler, wenn sie nicht zuhören, oder streicht anerkennend über verschwitzte Haare. Der agile Coach kennt die Grenzen seiner Jungs. "Schwere Sachen zur Taktikschulung können wir nicht machen", erzählt er beim Training auf dem alten FSV-Sportplatz. Den Doppelpass zwischen bunten Hütchen hindurch lässt der Trainer zigfach wiederholen.

Eberle weiß, wen er wann bremsen oder eben besonders fordern muss. Alik Didenko, genannt Alex, ist so einer. Ein Typ wie der Brite Wayne Rooney. Robust, kurze Stoppelhaare, immer unter Dampf. Kraftvoll jagt er die Bälle ins Netz - und knurrt, wenn sich seine Mitspieler ungeschickt anstellen oder beste Chancen vergeigen.

Die meisten lernen, Niederlagen wegzustecken

Welchen Effekt der Fußball Behinderter für ihre Integration in die Gesellschaft hat, ist jetzt erstmals erforscht worden. Der Politikwissenschaftler Richard Kolbe, Geschäftsführer des Vereins Special Olympics Niedersachen, befragte für seine Magisterarbeit bundesweit Werkstätten über die Organisation von Sportangeboten sowie über die Einflüsse des Fußballs auf die Aktiven. 235 Einrichtungen nahmen an der Studie teil.

Kolbe kommt zu dem Schluss, dass "dem Fußball eine hohe integrative Wirkungskraft zugesprochen wird" - vor allem durch Kontakte während des Sports zu Menschen, die nicht in einer Werkstatt beschäftigt sind. Zudem belegt die Erhebung: Training und Wettkampf fördern Selbstbewusstsein und Teamgeist der Kicker.

"Auch die Toleranz der Jungs ist gewachsen", hat Betreuer Marc Hauck beobachtet, Tischler und Gruppenhelfer in der Südpfalzwerkstatt. Die meisten hätten gelernt, Niederlagen wegzustecken, "ohne dass sich auf dem Platz was hochschaukelt".

Kolbe hat allerdings auch festgestellt, dass bei den Kooperationen zwischen Werkstätten und Vereinen "noch Luft nach oben ist." Oft agierten die behinderten Kicker nur parallel zu den Vereinsaktivitäten, nutzen die Sportplätze zu ihren Trainingszeiten, "sonst haben sie nichts miteinander zu tun."

Umgekehrte Integration in Frankfurt

Beim FSV Offenbach mit rund 700 Mitgliedern ist das anders. "Die behinderten Sportler nehmen rege an unserem Vereinsleben teil. Sie besuchen Vereinsveranstaltungen und vor allen Dingen auch die Heimspiele unserer Landesligafußballer", sagt Vorstand Reinhold Lutz, der vor sieben Jahren die Kooperation mit der Werkstatt einfädelte.

Die "Sepp-Herberger-Stiftung" des Deutschen Fußball-Bundes fördert den Werkstätten-Fußball. Längst gebe es "hervorragende Beispiele für die gesellschaftlichen Integration durch Fußball", sagt Tobias Wrzesinski, stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung. Er hat besonders ein Beispiel aus Hessen vor Augen.

Der Frankfurter Turnverein 1860 hat Beschäftigte der Reha-Werkstatt Oberrad des Vereins für soziale Heimstätten aufgenommen. Die meist psychisch kranken Fußballer, die bereits mehrfach die Deutsche Werkstätten-Meisterschaft gewonnen haben, fanden hier eine sportliche Heimat - obwohl der Club zu diesem Zeitpunkt noch keine Fußballabteilung hatte. "Jetzt sollen weitere Fußballer die neue Abteilung verstärken", sagt Wrzesinski. Hier funktioniere die Integration mal umgekehrt: Beeinträchtigte Menschen integrieren "Gesunde".