Soziale Netzwerke in der Gemeindearbeit

Soziale Netzwerke in der Gemeindearbeit

Pastor Ralf Peter Reimann

"Das sind nur Freunde von Deiner Arbeit, ich aber habe echte Freunde", sagte meine Tochter, als sie ein Blick auf den Bildschirm warf, während ich bei Facebook online war. In diesem Satz drückt sich für mich das Dilemma aus, wenn ich Facebook (und andere soziale Netzwerke) beruflich nutze. Wen habe ich als Freund bzw. Freundin? Wieviel legt mein Gegenüber in diesen Begriff Freund hinein? Was lege ich hinein?

Kolleginnen und Kollegen lassen sich nicht aussuchen, Gemeindeglieder auch nicht, wie reagiere ich daher auf Freundschaftsanfragen? Einfach zustimmen, sobald ich den oder die Anfragende kenne? Oder die Anfrage nur bei Sympathie bejahen? Oder sortieren, wer ein "echter" Freunde bzw. Freundin ist? Oder einfach alle ignorieren, damit ich alle gleich behandle oder lasse ich nur Menschen aus meinem privaten Umfeld zu?

Im 15. Kapitel des Johannes-Evangeliums bezeichnet Jesus seine Jünger als seine Freunde. Innerhalb der Gemeinde spricht man dagegen meist von Schwestern und Brüdern. Geschwister kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon. Auf Facebook, dem weltweit größten sozialen Netzwerk, lässt sich das Verhältnis verschiedener Nutzer inzwischen weiter differenzieren, der aus dem (amerikanischen) Englisch stammende Begriff "friend” bzw. Freund ist jedoch prägend, wenn Menschen über Facebook eine Beziehung aufnehmen, sich befreunden.

Freundschaft ist in der Regel symmetrisch, wenn Herr Müller mit Herrn Meyer befreundet ist, dann ist es auch Herr Meyer mit Herrn Müller. Die meisten Beziehungen sind jedoch asymmetrisch – wie z.B. Lehrer/Lehrerin zu Schüler/Schülerin – oder auch mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer in der Gemeinde.

Die Pastorin oder der Pastor macht Hausbesuche und betritt selbstverständlich das Wohnzimmer der Gemeindeglieder. Erhält er oder sie selbst Besuch, lädt er oder sie die Gemeindeglieder dagegen in der Regel ins Amtszimmer ein. Wie mache ich das, wenn Facebook mein digitales Zuhause ist? Wohin geleite ich meine Kontakte? Was entspricht dem digitalem Wohnzimmer und was dem digitalem Amtszimmer?

Was zeige ich wem von mir? Welche Erwartungen bestehen an mich, wenn mich jemand zum Freund im sozialen Netz hat? Was will ich selbst von jemand anders überhaupt sehen? Auch wenn man mittlerweile in sozialen Netzwerken differenzieren kann, was man mit wem teilt, die Frage bleibt dieselbe, es geht um Nähe und Distanz. Ich kenne Kollegen, die sich ihre Freunde bewusst außerhalb der Gemeinde suchen – damit sie in der Gemeinde eben Pfarrer und nicht Freund sind.

Daher fand ich beim Start Google+ besonders charmant, denn hier wurde von Anfang an deutlich, ich kann (und ich muss) bestimmen, wer was von mir sieht und mein Gegenüber bestimmt dies auch für sich. Jeder definiert für sich, in welchen Kreisen oder Circles die eigenen Online-Kontakte sind.

Will ich überhaupt alles wissen, was in der Gemeinde läuft? Wie verläuft Kommunikation in der Gemeinde? Sollen die Pfarrerin oder der Jugendleiter zum Informationsbroker in der Gemeinde werden, mit dem Ziel on- und auch offline Beziehungsarbeit zu organisieren?

Oder brauchen wir geschützte, voneinander gekapselte Räume im sozialen Netzwerk der Gemeinde?

Diese Fragen sind nicht neu, aber soziale Netzwerke stellen sie erneut. Bevor ich Freundschaftsanfragen mit einem Klick annehme oder ablehne oder einfach ignoriere: Ich brauche eine Strategie für mich und die Gemeinde braucht sie auch.

Hier sind die bisherigen Diskussionsbeiträge nachzulesen. Wir laden ein, hier noch weiter über das Thema zu diskutieren.