Legastheniker Pascal: durch Schreiben therapiert

Pascal Hermeler

Foto: Jana Hofmann

Legastheniker Pascal: durch Schreiben therapiert
So viel Kreativität, so viele Geschichten, die erzählt werden wollten. Doch Pascal Jerome Hermeler schrieb in seiner eigenen Sprache, die kein Fremder verstehen konnte. Der 21-Jährige ist Legastheniker, war bis zu seinem elften Lebensjahr funktionaler Analphabet. Schritt für Schritt eroberte Pascal sich die Welt der Buchstaben, damit er seine Geschichten aufschreiben konnte. Mit 13 war sein erster Roman fertig, drei Jahre später wurde er veröffentlicht. Seitdem ist Pascal Jerome Hermeler Schriftsteller und Poetry Slammer und veranstaltet Kulturevents.
14.10.2012
Jana Hofmann
evangelisch.de

Pascal hat es eilig, denn er hat noch viel zu tun, bis heute Abend sein "Kaffeesatz Poetry Slam" losgeht. Schnellen Schrittes betritt er die Location, die Pension Schmidt in Münster, ein "Szene-Café", wie er sagt. Er ist etwas zu spät, lächelt aber gelassen und rauscht weiter, einen kleinen Trolley in der einen und die Leine seiner Jack Russel Terrier-Hündin Daja in der anderen Hand.

Dann kommt er zurück, nimmt die graue Schiebermütze ab und legt sein iPhone auf den Sofatisch, ehe er im Sessel versinkt. "Daja, sitz", sagt er und schüttelt über die hin- und herwuselnde Hündin den Kopf. Immer wieder schaut er auf sein Smartphone, denn er hat noch einiges zu erledigen: Ein Interview geben, mit einem Helfer beim Mittagessen den Abend besprechen, bei seinem Sponsor vorbeigehen und die neuen Flyer aus der Druckerei holen. Außerdem muss er noch die Location umbauen, mit dem Techniker und den Künstlern alle Details für den Abend klären. Aber Pascal wirkt entspannt – seit über zwei Jahren veranstaltet der 21-Jährige seinen "Kulturmittwoch" in Münster.

Es liegt ein langer Weg hinter ihm. Vor zehn Jahren wollten seine Lehrer den aufgeweckten Jungen auf die Sonderschule schicken. Die Eltern waren entsetzt. "'Ich habe einen Idioten großgezogen' war die Reaktion meines Vaters. Meine Mutter wollte sich nicht damit abfinden", erzählt Pascal. Seine Stimme klingt gelassen, er hat Übung, diese Geschichte zu erzählen, denn das hat er schon oft getan: Einigen Journalisten, aber auch Schulkindern, denen er mit Vorträgen Mut machen will.

Die Schule fühlte sich an wie eine Saugglocke

Um herauszufinden, was mit Pascal nicht stimmte, brauchte seine Mutter ihn zu verschiedenen Psychologen. Das Ergebnis: Pascal hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Mit elf war er noch funktionaler Analphabet, begriff nur mit Mühe, was er schrieb und las. Er konnte die auditiven und visuellen Reize nicht richtig sortieren.

Immer entspannt: Pascal beim Interview mit eavangelisch.de im Café "Pension Schmidt" in Münster. Foto: Jana Hofmann

In der Schule fühlte er sich wie unter einer Saugglocke. "Es ist wie wenn 30 Leute im Schwimmbecken sind und ich den Kopf unter Wasser tauche", versucht der 21-Jährige seine tägliche Reizüberflutung zu erklären. Mit den Händen stellt er eine große Glocke über seinem Kopf dar. "Ich konnte nicht filtern, was wichtig ist. Ich habe alles wahrgenommen: Den Stift, der runter gefallen ist, meine Klassenkameraden um mich herum, den Lehrer, der versucht, etwas zu erklären. Ich konnte mich nicht auf nur eine Sache konzentrieren", erzählt er. "Die Schulzeit war immer die Hölle."

Auch heute noch muss er sich konzentrieren, während er redet. "Sobald ich müde werde, lasse ich Dinge fallen oder greife daneben", sagt er und zeigt, wie das aussehen würde: Seine Hände greifen nach seiner Wasserflasche, berühren sie aber nicht. Dann nimmt er einen Schluck.

Schreiben und lesen: Der Inbegriff von Freiheit

Für Pascal begann nach dem Schulunterricht das eigentliche Lernen, denn seine Mutter setzte sich Nachmittag für Nachmittag mit ihm hin, um lesen und schreiben zu üben. Sie ließ sich weiterbilden nach den Methoden von Fred Warnke und kaufte Geräte für mehrere tausend Mark. "Zum Glück war das kein Problem, denn Geld war immer da", sagt Pascal und zuckt mit den Schultern. Der Unterricht basierte auf einem Gerät mit zwei Lautsprechern und zwei Kopfhörern. "Meine Mutter hat mir etwas vorgelesen und ich habe es gehört und aufgeschrieben. Nach und nach hat sie Störgeräusche eingespielt", erklärt er. So konnte er erst in vollkommener Stille und dann in immer schwierigen Situationen lesen und schreiben trainieren.

Obwohl ihm dieses Training Spaß gemacht habe, habe er irgendwann aufgehört. Mit einem Grinsen sagt er: "Ich habe mich selber durch das Schreiben therapiert." Mit 13 war sein erster Fantasy-Roman fertig, aber den konnte noch keiner außer ihm und seiner Mutter lesen. Seine "eigene Sprache" bestand aus Legastheniker-Fehlern wie "ih c" für "ich" und "Fehrt" für "Pferd". "Ich habe geschrieben, wie ich die Wörter wahrgenommen habe", erklärt Pascal. Selbst nachdem das Buch bei sechs verschiedenen Lektoren war, könne man immer noch Fehler in der veröffentlichten Version finden.

Buchstaben machen Pascal immer noch Mühe. Schreibt und liest er eine Woche lang nicht, schleichen sich die alten Fehler wieder ein. Das Training hört nie auf. Auch wenn das Arbeit ist, ist Pascal glücklich, schreiben und lesen zu können. "Das ist für mich der Inbegriff von Freiheit!", sagt er mit leuchtenden Augen. "Ich kann Liebesbriefe lesen und Geschichten schreiben. Das ist wie eine Kreditkarte mit unendlich viel Geld drauf!" Und diese Kreditkarte hat der 21-Jährige schon oft genutzt, für seinen Fantasy-Roman, seine beiden Gedichtbände, die Anthologie, die er für "Poeten gegen Analphabetismus" herausgegeben hat und sein Hörbuch, das demnächst erscheinen wird.

Mütze auf und los: Das Weingummi abholen

Heute ist er "irgendwas mit Medien", erklärt er lachend. Poetry Slammer, selbständiger Veranstalter, Dichter, Schriftsteller, was auch immer. Das Geld reicht zum Leben, aber "am Ende des Monats ist es immer schlecht", sagt er. Die finanziellen Probleme lacht er weg, aber die Schulden, die er hat, seit er von seinem "ehemaligen Geschäftspartner über den Tisch gezogen wurde", stottert er immer noch ab. Er lerne beim Machen ganz ohne Ausbildung – er hat einen Realschulabschluss und lernte an der Berufsschule Sozialhelfer - , da müsse man schon mal "auf die Fresse fliegen". "Aber das ist kein Grund aufzugeben oder nicht wieder aufzustehen", findet Pascal. Jetzt wird er ernst, sein Blick fest. Denn sich selbst aufgegeben habe er nie.

Auf dem Weg zum Poetry Slam: Pascal Jerome Hermeler mit seiner Hündin Daja. Foto: Jana Hofmann

Pascals Handy blinkt, sein Freund Conrad hat Mittagspause und kurz Zeit, über den Abend zu reden. Pascal ist froh, Freunde zu haben, die Flyer verteilen, beim Umbau helfen oder an der Kasse sitzen. Mütze aufsetzen, den beigen Blazer anziehen, Daja mitnehmen – los geht's. Einmal quer durch Münsters Innenstadt, immer wieder folgen der kleinen Hündin bewundernde Blicke. "Alle finden sie süß, weil sie ein Geschirr mit dem Schriftzug "Security" hat", lacht Pascal. Daja genieße die Aufmerksamkeit.

Nahe einer Baustelle sitzt Conrad schon am Treffpunkt in einem grünen Plastikstuhl und wartet. Hin und wieder beißt er in sein Sandwich. Pascal sei einfach ein "offener Typ", der kein Problem habe, neue Leute ins Boot zu holen. Während Pascal etwas zu trinken holt, erzählt Conrad, dass er ihn auch bewundert. "Uns wird immer gesagt, was wir alles machen sollen und die meisten haben zu viel Angst vor dem Versagen – das hat Pascal nicht", sagt Conrad nachdenklich. "Was steht denn noch an?", fragt er, als Pascal zurückkommt. "Ich muss nachher noch zum 'Bären-Treff' und das Weingummi abholen. Und ich brauch die neuen Flyer für Oktober", zählt Pascal auf. Der Fruchtgummi-Laden in Münster sponsert den Kulturmittwoch mit Sachspenden.

Geschäftsmann Pascal, Künstler Jerome

"Das gehört mit zur Marke und macht uns interessanter", erklärt Pascal auf dem Weg zurück zum Café. In der Künstlerszene benutzt er seinen zweiten Vornamen Jerome, weswegen er seine Veranstaltungen auch unter "Jerome's Kulturkartell" laufen lässt. So will er auch Privates vom Geschäftlichen trennen: Der Geschäftsmann ist Pascal, der Künstler Jerome. Seine Freundin sage, seine Stimme ändere sich dann auch: "Als Pascal habe ich eine dunklere, dominantere und tiefere Stimme, privat klinge ich eher hoch", erklärt Pascal. Er klingt wieder wie der Geschäftsmann, wenn er von seinem Plan erzählt.

"Personenbindung ist das älteste Konzept überhaupt." Theoretisch sei er ersetzbar, aber wenn er sich selbst zur Marke mache, sei die Gefahr geringer. "Jerome ist eine nicht kopierbare Marke", sagt er selbstbewusst. Er moderiere viel und lerne so Menschen kennen. "Wenn mein Name oft genannt wird, kann man mich als Marke im Internet nachverfolgen", erklärt er. Die Leute wollten ja Persönlichkeiten.

Langsam wird es dunkel und das Café muss für den Abend fertig gemacht werden: Stellwände verschieben, Sofas, Sessel und Stühle zur Bühne ausrichten. Gemeinsam tragen die Jungs die schweren Wände zur Seite. "Als Moderator will ich, dass alle einen schönen, gemütlichen Abend haben", sagt Pascal und verschiebt ein blaues Sofa. Aber wenn er selbst als Poetry Slammer auf der Bühne stehe, wolle er den Leuten etwas mitgeben. "Man muss ehrlich sein und zu sich stehen", erklärt er und verrückt das nächste Möbelstück, einen Sessel.

Poetry Slam sei oft nur noch Comedy Slam. "Ich will keinen witzigen Klamauk machen – wenn die Leute sich das schon anhören müssen, sollen sie auch was davon haben", sagt Pascal und betrachtet den Raum kritisch. Sofas, Sessel, Stühle stehen an den richtigen Stellen, die Bühne hat eine kleine Sitzecke für die Künstler. Alles ist bereit. Wenn Pascal über seine Zukunft redet, klingen seine Pläne ganz konventionell: "Ich will die Sicherheit haben, dass ich von meiner Arbeit leben kann und ich will mir selbst ins Gesicht schauen können, weil ich mir treu geblieben bin." Ab nächstem Jahr startet "Jerome's Kulturkartell", ein "junger, talentfroher Veranstaltungsservice". Und Ende des Jahres erscheint sein neues Hörbuch. Fertig mit dem Lesen und Schreiben ist er noch lange nicht.