Maram Stern: Gedenken verhindert nicht Wiederholung von NS-Verbrechen

Maram Stern: Gedenken verhindert nicht Wiederholung von NS-Verbrechen

Hamburg (epd). Für den Vizepräsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Maram Stern, verhindert das Gedenken an den Holocaust nicht die Wiederholung damaliger Verbrechen. Wenn die Redner am 9. November für bessere historische Bildung, mehr Toleranz und Zivilcourage plädierten, hätten sie recht, schrieb Stern in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“ (Donnerstag). „Wir sollten jedoch nicht glauben, dass dies schon ausreicht, um uns vor neuen Katastrophen zu bewahren.“

Auch in diesem Jahr würden Politiker am 9. November wieder die Schrecken des Nazi-Terrors beschreiben und das „Nie wieder“ beschwören. Es würden voraussichtlich „gute und kluge Reden“ sein, schrieb Stern. In den meisten Fällen werde er jedes Wort unterschreiben können. Dennoch hinterließen diese Gedenkveranstaltungen ein schales Gefühl bei ihm: „Denn ich frage mich, was sie bewirken.“

Zwar sei es gut, an die Geschichte zu erinnern. Auch seien die Warnungen angebracht, eine Wiederholung der damaligen Untaten nicht zuzulassen. „Aber verhindern wir so tatsächlich eine Wiederkehr autoritärer oder gar totalitärer Herrschaft? Macht uns das Gedenken immun gegen Fremdenhass und Antisemitismus?“, fragte Stern.

Das entscheidende Wendejahr der deutschen Geschichte sei nicht das Jahr der Pogromnacht 1938 gewesen, nicht der Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939, auch nicht der Beginn des Massenmords 1941, sondern 1933, das Jahr, in dem Deutschland zu einer Diktatur wurde, führte Stern aus. Daher müsse es heute oberstes Ziel sein, für den Erhalt liberaler Demokratien zu sorgen, die Menschen- und Bürgerrechte schützen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisierten Verbände der nationalsozialistischen SA und SS reichsweite Pogrome. In dieser Nacht wurden jüdische Menschen ermordet, 1.200 Synagogen niedergebrannt und Tausende jüdischer Geschäfte und Wohnungen verwüstet. 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November nach der Abdankung des Kaisers in Berlin die Republik aus. Am späten Abend des 9. November 1989 wurde in Berlin unter dem Druck der DDR-Bürger der Grenzübergang Bornholmer Straße geöffnet, nachdem SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski neue Reiseregeln verkündet hatte. Daher gilt der Tag als zentrales Datum der deutschen Geschichte.