"Viele Russen sind gegen die Gewalt"

Schild mit der Aufschrift "Net Wojne" (dt. "kein Krieg") wird entfernt über einer Straße in St. Petersburg

© Dmitri Lovetsky/AP/dpa

"Net Wojne" - "Kein Krieg" steht auf einem Plakat über einer zentralen Allee in St. Petersburg, das mit einer Angelrute entfernt wird. Widerstand in Russland ist vorhanden, aber gefährlich. Davon berichtet Studentin Anna aus Russland in ihren regelmäßigen Berichten für evangelisch.de.

Eine Stimme aus Russland
"Viele Russen sind gegen die Gewalt"
Anna* kommt aus Russland und ist Studentin. Sie hat einen engen Bezug zu Europa. Umso mehr hat sie der russische Angriff auf die Ukraine erschüttert. Auf evangelisch.de wird sie regelmäßig von ihren Eindrücken und Erlebnissen berichten.

Am Sonntag gab es Demonstrationen im ganzen Land, aber ich konnte nicht hingehen. Es wurde zu gefährlich. Und ich habe noch Pläne, und um sie zu erfüllen, muss man perfekte Beziehungen mit dem Staat haben – mit den Menschen und den Gesetzen, gegen die ich bei allen Wahlen gestimmt habe. Ich bin von mir selbst enttäuscht, aber ich kann nichts tun. Meine eigene Zukunft interessiert mich immer noch, und ich weiß, dass ich dieser Welt mehr geben kann, wenn ich frei bin.

Wenn man über die Situation in der Ukraine schreibt, muss man vorsichtig sein. Vor kurzem trat ein neues Gesetz in Kraft, wonach jede Äußerung gegen das Vorgehen russischer Truppen verurteilt werden kann – sogar das Motto der KriegsgegnerInnen "Nein dem Krieg!". Denn das ist kein Krieg, sondern eine "militärische Spezialoperation". Der Unterschied ist groß, oder? Strafbar sind auch "fake news"– in der Tat, alle Nachrichten aus der Ukraine, die der offiziellen Position des Kremls nicht entsprechen. Die Verbreitung falscher Informationen wird mit einer Strafe bis zu 15 Jahren im Gefängnis geahndet. Ich habe gehört, dass gewalttätige Straftäter kürzere Haftstrafen bekommen...

Die Gewalt darf nicht Krieg genannt werden

Ich werde trotzdem weiter versuchen, die Stimme aus Russland zu sein. Ich schreibe über die Situation im Land und davon, was ich selbst sehe und höre – also nichts über die Ukraine. Es wird immer schwieriger, aber was kann ich noch tun, wenn jede oppositionelle Rhetorik verboten ist? Ich hoffe, dass wenigstens die, die es lesen, die Wahrheit wissen werden: viele Russen sind gegen die Gewalt, die man nicht Krieg nennen darf.

Leider gibt es auch die, die es unterstützen. Ich kenne nicht so viele solche Menschen, aber sie gibt es natürlich auch. "Warum habt ihr alle gerade erst angefangen zu demonstrieren? War es euch egal, als die Ukrainer auf die Kinder von Donbass geschossen haben?! Wo seid ihr 8 Jahre lang gewesen?"  Es scheint ihnen, dass die russische Spezialoperation eine Fortsetzung des langen Konflikts im Donbass ist, eine Rache für die Kinder, die unter dem Beschuss "ukrainischer Nationalisten" starben. Das klingt besonders seltsam von den Leuten, die behaupten, Christen zu sein. Diese Rhetorik macht mir Angst, ich verstehe sie nicht. Selbst wenn Kinder im Donbass wirklich starben, gibt das wirklich das Recht, Gewalt gegen Menschen in der Ukraine anzuwenden?

Friedensbewegungen gibt es schon lange

Wo sind wir diese 8 Jahre gewesen? Aber es gab auch 2014 Demonstrationen für Frieden. Und es gab humanitäre Hilfe aus Russland, sowohl vom Staat als auch von privaten Organisationen, und jeder, der es wollte, konnte daran teilnehmen. Während der Schriftsteller Zakhar Prilepin damit prahlte, dass sein Freiwilligenkommando im Donbass mehr ukrainische Soldaten tötete als die anderen, halfen wir Flüchtlingen, ein neues Zuhause in Russland zu finden. Es war uns nicht egal, was dort passierte. Aber wir glaubten und glauben immer noch, dass Gewalt inakzeptabel und unverzeihlich ist.

"In Kriegszeiten darf man nicht schlecht über seine Heimat reden. Niemals. Auch wenn sie Unrecht tun. Auch wenn dein Land in Kriegszeiten falsch liegt, darf man nicht schlecht darüber reden." – Diese Worte des Schauspielers Sergei Bodrov werden oft von den regierungsnahen Medien zitiert. Aber bedeutet das nicht, dass sich auch die Mitglieder des Widerstands in Nazi-Deutschland irrten? Hätten sie schweigen sollen und bis zum Ende des Krieges warten?

Ich will Putin auf keinen Fall mit Hitler vergleichen. Das sind ganz unterschiedliche Menschen und Politiker. Ich möchte nur auf die Schwäche der Argumente hinweisen, die die Gewalt in der Ukraine rechtfertigen. Bis jetzt habe ich keinen einzigen verständlichen Grund gehört, warum sie notwendig ist, aber es gibt viele fundierte Meinungen, warum sie schrecklich ist.

*Anna heißt eigentlich anders. Zu ihrem Schutz hat die Redaktion ihren Namen geändert.

Mehr zu Ukraine-Russland-Krise
"Es geht hier gar nicht um die Maniküre, es geht darum, dass wir diesen Menschen Aufmerksamkeit schenken, dass sie wissen, sie sind nicht allein", sagt Olha.
Sie bringen Rouge, Puder und schicke Schnitte mit – normales Leben eben. Visagistinnen und Friseure aus Kiew fahren aufs Land und machen Menschen hübsch, die viel Schlimmes erlebt haben.
Christen demonstrieren auf Ukraine Friedensdemo
Sollen Christ:innen Waffenlieferungen an die Ukraine befürworten? Oder sind sie vielmehr zu einer Feindesliebe aufgerufen, die die Gewalt ganz ausschließt? Unser Ethik-Experte Dr. Alexander Maßmann (Universität Cambridge) nimmt Stellung.