Zeugen: Angeklagte am Tag der Gewalttat im Oberlinhaus auffällig

Zeugen: Angeklagte am Tag der Gewalttat im Oberlinhaus auffällig
Im Prozess um den Tod von vier Schwerstbehinderten am Potsdamer Oberlinhaus beschreiben Zeugen den Zustand der Angeklagten am Tattag als auffällig. Angehörige von Opfern zeichneten vor Gericht teils sehr unterschiedliche Bilder von der Situation.

Im Prozess um die Tötung von vier Schwerstbehinderten am Potsdamer Oberlinhaus haben Zeugen, die der Angeklagten am Tattag begegnet sind, diese als auffällig beschrieben. Sie sei blass gewesen, sagte der damalige Pflegedienstleiter Sven L. am Dienstag vor dem Landgericht Potsdam aus. Eine von den Angehörigen eines Opfers engagierte Betreuerin bemerkte, bei ihrem Besuch am 28. April habe Ines R. ein aufgedunsenes Gesicht gehabt und übertrieben erschreckt reagiert. Auf Nachfrage habe sie in beiden Fällen erklärt, es gehe ihr gut, gaben die beiden Zeugen an.

Als sie von der Tat erfahren habe, habe sie mit Blick auf die spätere Angeklagte gedacht: "Lass es sie nicht gewesen sein, bitte", sagte die Betreuerin einer jungen Frau aus. Sie habe Ines R. als sorgfältige Pflegerin erlebt.

Der 47 Jahre alte Pflegedienstleiter quittierte nach der Gewalttat infolge der psychischen Belastungen durch den Vorfall den Dienst. Er bestätigte Angaben von Pflegekräften, dass die Hausleitung nach der Tat im Fall von Personalmangel Leasing-Kräfte engagierte und für Supervision sorgte. In seiner Zeit als Dienstleiter seien auch über mehrere Wochen krank geschriebene Mitarbeiter in Dienstplänen verzeichnet gewesen, da es nicht möglich gewesen sei, die Einträge zu verändern.

Angehörige von Opfern machten einander widersprechende Aussagen über die Zustände in der Einrichtung. Die Nebenklägerin und Mutter eines der Opfer beschrieb die Angeklagte wie die übrigen vor dem Landgericht Potsdam erschienenen Angehörigen als liebevoll und zugewandt. Die Tat sei schwer zu begreifen.

Auf Klagen über Mangel an Pflegekräften habe es seitens der Leitung geheißen, die Zahl der Mitarbeiter entspreche dem landesweit vorgesehenen Pflegeschlüssel. Wenn die Angeklagte ihren Sohn gepflegt habe, sei sein Zustand gut gewesen, sagte die Nebenklägerin. In der Zeit, die dieser in der Wohnpflege im Oberlinhaus verbrachte, habe es zahlreiche Personalwechsel gegeben.

Den Personalmangel, der im Lauf des Prozesses wiederholt Thema war, nannte eine weitere Zeugin normal. Ihre Schwester war nach einem Autounfall ins Oberlinhaus gekommen und hatte dort bei der Gewalttat ihr Leben verloren. Weiter sagte diese Zeugin, ihre andere Schwester, die ebenfalls Pflegerin sei, leide wegen der hohen Belastung durch den Beruf immer wieder an Burnout. Mängel bei der Pflege, die die Familie kritisierte habe, seien abgestellt worden.

Mehrere Angehörige berichteten von einer Verschlechterung des Pflegezustands ihrer Angehörigen in den Jahren vor der Tat. So sagte der Onkel eines der Opfer aus, er habe seine Nichte bei Besuchen zuletzt nicht mehr im Rollstuhl, sondern in den beiden Jahren vor Ausbruch der Corona-Epidemie nur noch im Bett angetroffen. Der Onkel bezeichnete die Lage in der betreffenden Wohnpflege als "katastrophal", es sei "kaum jemand da" gewesen.

Die Gewalttat im Potsdamer Oberlinhaus Ende April sorgte deutschlandweit für Entsetzen. Zum Auftakt des Prozesses berichtete die angeklagte langjährige Mitarbeiterin über ihre psychischen Beeinträchtigungen und Personalmangel in der diakonischen Einrichtung. Die 52-Jährige muss sich wegen Mordes und weiterer Straftaten verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus.