Virtuelle Synagoge als Mahnung vor wachsender Judenfeindschaft

Virtuelle Synagoge als Mahnung vor wachsender Judenfeindschaft

Eine virtuelle Wiederauferstehung der vor 83 Jahren niedergebrannten Synagoge in Siegen soll nach Worten der Projektleiter neue Perspektiven im Umgang mit dem Judentum ermöglichen. "Die Premiere in Deutschland einer ersten virtuellen Rekonstruktion einer Synagoge soll stellvertretend die über 1.400 Synagogen und Bethäuser ins Gedächtnis rufen, die in der sogenannten Reichskristallnacht im November 1938 zerstört wurden", sagte die Multimedia-Künstlerin Gabi von Seltmann dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Siegen.

Die Synagoge wird an diesem Dienstag zum Gedenken an die Reichspogromnacht (9. November) in einer animierten Video- und Klang-Installation an die Außenwand des Hochbunkers projiziert, der auf dem Grundstück der zerstörten Synagoge errichtet wurde. "Die Rekonstruktion der Siegener Synagoge soll nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen und Seelen erreichen", sagte die Künstlerin und Projektleiterin.

Das Projekt ist nach Worten Seltmanns eine deutsch-polnisch-ungarische und zugleich jüdisch-christliche Co-Produktion. Die Künstler stammten aus Ländern, in denen wie in Ungarn und Polen nationalistisch-autokratische Regierungen die Demokratie in autoritäre Staatsformen umwandelten und in denen, ebenso wie in Deutschland, der Antisemitismus in alle Bevölkerungsschichten eindringe. Überall würden Ängste gegenüber Minderheiten, Fremde und Flüchtlinge geschürt. Das Projekt sei daher auch Warnung und Mahnung vor wachsender Judenfeindschaft.

"Auch heute stehen wir wieder an einem entscheidenden Punkt der Geschichte", sagte die Künstlerin. Die Frage sei, ob aus der Vergangenheit gelernt werde - oder nicht. Erinnern allein reiche jedoch nicht aus. Erinnern müsse immer mit Empathie verbunden sein. "Diese Empathie kann vor allem mit künstlerischen Projekten erweckt werden, denn Kunst kann in besonderem Maße jene Gefühle hervorrufen, die Voraussetzung für Empathie sind. Kunst kann Erinnerungen zurückbringen, Hoffnung geben, inspirieren und heilen."

Das 1904 eingeweihte Zentrum der Siegerländer Juden wurde den Angaben zufolge am 10. November 1938 von SA- und SS-Männern in Brand gesteckt. 1941 baute die Stadt Siegen auf dem Grundstück einen Luftschutzbunker. Zeitgleich mit der Installation der Siegener Synagoge wird bei der Open-Air-Veranstaltung die 2018 uraufgeführte virtuelle Rekonstruktion der Großen Synagoge Warschau gezeigt. Mit diesem Projekt beteiligt sich die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland am Jubiläumsjahr "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".