Protestforscher Rucht warnt vor Hungerstreik bis zum bitteren Ende

Protestforscher Rucht warnt vor Hungerstreik bis zum bitteren Ende

Der Berliner Soziologe und Protestforscher Dieter Rucht hat sich kritisch zum Klima-Hungerstreik von sechs jungen Erwachsenen im Berliner Regierungsviertel geäußert. "Einerseits ist es wichtig, das Thema Klimaschutz ganz in den Vordergrund zu rücken. Und zwar nicht nur mit freundlichen, netten Protesten, wie das Fridays for Future überwiegend gemacht hat", sagte Rucht in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Andererseits sei "der Sprung von den bisherigen Protesten hin zum Hungerstreik zu groß".

Rucht sagte: "Ein Hungerstreik ist eigentlich das letzte Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Politik, der Aufmerksamkeitsgewinnung, versagt haben." So gesehen finde er es "problematisch", wenige Tage vor der Bundestagswahl einen Hungerstreik zu machen.

Rucht, emeritierter Professor der Freien Universität Berlin und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, betonte, "das Spektrum der Möglichkeiten zivilen Ungehorsams ist noch lange nicht ausgereizt". Das wäre jetzt eigentlich der gebotene Schritt: "Die harte Grenze ist dabei Gewalt gegen Personen."

Weiter zeigte der 75-Jährige Verständnis für die Hungerstreikenden: "Natürlich drückt sich darin auch eine gewisse Verzweiflung aus." Einen Hungerstreik mache "man nicht mal so nebenher und schon gar nicht über einen längeren Zeitraum". Allerdings sei der Hungerstreik eigentlich ein klassisches Mittel von Menschen, die keine Möglichkeit haben, an die Öffentlichkeit zu gehen, etwa Gefängnisinsassen.

In Berlin war eine Gruppe von sechs jungen Klimaaktivisten zwischen 18 und 27 Jahren am 30. August in einen Hungerstreik getreten. Sie wollen so lange keine Nahrung zu sich nehmen, bis die Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) sowie Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) sich zu einem "ehrlichen" und öffentlichen Gespräch mit ihnen bereiterklären. Die Gruppe hat dafür einen Termin wenige Tage vor der Bundestagswahl vorgeschlagen: Donnerstag, den 23. September um 19 Uhr.

Rucht betonte, es sei "naiv zu hoffen, man könnte den drei Kandidaten vor den Hungerstreikenden etwas abringen, was sie in Dutzenden von Talkshows und Interviews nicht getan haben". Der Hungerstreik sei aber keine moralische Erpressung der Kanzlerkandidaten. Es sei auch nicht verwerflich, den Hungerstreik an einem bestimmten Punkt abzubrechen, so Rucht weiter: "Es handelt sich um eine Güterabwägung." Dabei sei es "kontraproduktiv, den Hungerstreik bis zum bitteren Ende durchzuziehen". "Damit würden diese Aktivisten ihrem Anliegen sogar schaden, weil sie als Hochmotivierte weiter für die politische Auseinandersetzung gebraucht werden", sagte Rucht.

Er nannte es dabei eine "weise Entscheidung, nicht andere zum Hungerstreik aufzufordern": "Das halte ich für klug, denn da würden vielleicht auch Jugendliche hineingezogen, die möglicherweise die Konsequenzen ihres Tuns noch nicht so recht überschauen können."