Autorin Reisinger: Keine Ende der Missbrauchskrise in Sicht

Autorin Reisinger: Keine Ende der Missbrauchskrise in Sicht

Die Frankfurter Theologin Doris Reisinger sieht derzeit kein Ende der Missbrauchskrise in der katholischen Kirche. Aufarbeitung könne nicht gelingen, wenn sie ausschließlich in der Hand derjenigen liege, die den Missbrauch und seine Vertuschung verantwortet haben, sagte Reisinger dem Evangelischer Pressedienst (epd). Seit Jahrzehnten sei zu beobachten, dass kirchliches Recht und innerkirchliche Aufarbeitung nicht wirkten, da Betroffene im kirchlichen Strafrecht nicht als Opfer, sondern nur als Zeugen befragt würden. Es brauche andere Mechanismen.

Sie unterstütze den Vorschlag unabhängiger Wahrheitskommissionen, wie sie von Missbrauchs-Betroffenen gefordert werden, sagte die ehemalige Ordensfrau, die ein Buch mit dem Titel "Nur die Wahrheit rettet" über die Rolle des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. in der Missbrauchskrise der katholischen Kirche geschrieben hat. Es erscheint an diesem Montag.

Reisinger sagte, es komme auch darauf an, wie man Kirche definiere. Wenn die Kirche im Sinne des katholischen Kirchenrechts vor allem aus den Amtsträgern und der verfassten Struktur der Kirche bestehe, sehe sie keinen Anlass zur Hoffnung auf nachhaltige Reformen. Definiere man die Kirche aber als Summe der Getauften und derjenigen, die im katholischen Glauben leben wollten, gebe es Grund zur Hoffnung: Die Energie, die Betroffene von Missbrauch und deren Unterstützerinnen und Unterstützer in den vergangenen Jahren investiert hätten, hätten unter vielen Katholiken zu der Bereitschaft geführt, umzudenken und Verhalten zu ändern.

Der Umgang mit der Veröffentlichung eines Missbrauchs-Gutachtens im Erzbistum Köln sei ein Paradebeispiel für die Haltung der kirchlichen Institutionen und Würdenträger in der Frage der Aufarbeitung. Es sei kein "unglücklicher Ausnahmefall", sondern ganz typisch, dass Transparenz über den eigenen Umgang mit Beschuldigungen und Offenheit über die persönliche Mitverantwortung in aller Regel nicht gegeben sei. Das sei auch systemisch bedingt, sagte Reisinger, die selbst Betroffene von Missbrauch ist.

So habe etwa Josef Ratzinger als Chef der vatikanischen Glaubenskongregation und als späterer Papst Benedikt XVI. nicht gegen das System aus Machtmissbrauch und Vertuschung gekämpft, sondern problematische Strukturen sogar perpetuiert, sagte sie. Zu diesem Schluss kommen sie und ihr Co-Autor, der Filmregisseur Christoph Röhl. Unter Benedikt XVI. sei die katholische Kirche ein System ohne Kontrollmechanismen und Gewaltenteilung und ohne Legitimation von unten geblieben und zugleich noch weiter ideologisch verfestigt worden. "Kirchliche Obrigkeit ist deswegen taub und blind für die Konsequenzen ihres hoheitlichen Handels im Leben realer Menschen."

Meldungen

Top Meldung
Sterbebegleitung im Hospiz
Die Sorge um schwer kranke und sterbende Menschen steht im Mittelpunkt der diesjährigen "Woche für das Leben". Die von katholischer und evangelischer Kirche gemeinsam organisierte bundesweite ökumenische Aktionswoche wird am Samstag mit einem Gottesdienst in Augsburg eröffnet.