"Grüne" Brückenbauer für ein gespaltenes Land

"Grüne" Brückenbauer für ein gespaltenes Land
Wormser Amerikanistin zur evangelikalen Umweltbewegung in den USA
03.01.2021
epd-Gespräch: Alexander Lang
epd

Evangelikale Umweltaktivisten wollen nach Einschätzung der Wormser Amerikanistin Melanie Gish in der politisch und kulturell gespaltenen US-amerikanischen Gesellschaft eine Vermittlerrolle einnehmen. Die wachsende "grüne" evangelikale Bewegung in den USA sei überparteilich und wolle die Schöpfungspflege ("Creation Care") als Grundwert im evangelikalen Glauben verankern sowie Menschen in Bezug auf ökologische Fragen global zusammenführen, sagte Gish in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Wissenschaftlerin hat über die um das Jahr 1980 in den USA entstandene evangelikale Umweltbewegung promoviert und dazu ein Buch in englischer Sprache veröffentlicht.

Viele "grüne" Evangelikale wären dazu bereit, die Klimaschutzpolitik des neuen US-Präsidenten Joe Biden zu unterstützen, ist Gish überzeugt. "Sie sind bereit, sich über ideologische Gräben hinweg auszutauschen." Eine zunehmende Zahl evangelikaler Christen in den USA bringe sich in etwa zehn evangelikalen Umweltorganisationen ein. Ihnen gehöre ein Kern von rund 40.000 Anhängern oder Sympathisanten an, schätzt Gish. Diese kämen aus verschiedenen evangelikalen Kirchen und seien locker miteinander verbunden. Auch kooperierten sie mit säkularen Umweltorganisationen und Wissenschaftlern, etwa in Initiativen zum Klimaschutz. Anders als die Mehrheit der Evangelikalen zweifelten evangelikale Umweltaktivisten den Klimawandel nicht an.

Organisationen wie "Evangelical Environmental Network (EEN") oder "Care of Creation" sähen sich verpflichtet, die göttliche Schöpfung angesichts globaler Herausforderungen wie den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt zu schützen, erklärte Gish. Ihr Engagement sei in erster Linie biblisch-theologisch begründet und verstehe sich auch als ein Akt der Nächstenliebe: Den Menschen sei von Gott selbst die Sorge um alles Leben in der Welt in die Hände gelegt worden. Die "Schöpfungspflege" sei darüber hinaus verknüpft mit dem missionarischen Ziel, Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen.

Der göttliche Auftrag gehe nach Überzeugung der umweltengagierten Evangelikalen über den eigentlichen Umweltschutz hinaus, sagte Gish. Ökologische Krisen verstünden sie als Ausdruck einer umfassenderen "Sündenkrise". "Creation-Care"-Befürworter verfolgten eine ganzheitliche "Ethik des Lebens". Dazu gehörten neben dem Klima- und Artenschutz auch der Schutz des ungeborenen Lebens sowie der Kampf gegen Rassismus und Ungerechtigkeit. Gemäß ihrer Überzeugung muss die Schöpfungspflege von konservativer wie auch von liberaler Seite mit dem Ziel angegangen werden, gemeinsame Lösungen zu finden und umzusetzen.

In den USA habe die evangelikale Umweltbewegung seit Mitte der 1990er Jahre immer wieder Schlagzeilen gemacht, sagte Gish. Politisch habe sie jedoch aufgrund ihre geringen Größe, ihrer Überparteilichkeit und der tiefen ideologischen Spaltung im Land wenig bewegt.

Ihr vornehmliches Ziel sei jedoch nicht politisch, sagte Gish. Vielmehr gehe es "Creation-Care"-Befürwortern darum, den Evangelikalismus zu "reformieren" und ein aktives Umweltbewusstsein in den Kirchen zu verankern. Obwohl die Aktivisten seit Jahrzehnten auch Ablehnung aus den eigenen Reihen erfahren, würden Themen wie Müllvermeidung, Recycling, CO2-Emissionen, Wasserknappheit, Abholzung oder das Artensterben nun in Kreisen frommer, bibeltreuer Christen verstärkt diskutiert.

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