Politologin: Frauen in Belarus sorgen für neue Zivilgesellschaft

Politologin: Frauen in Belarus sorgen für neue Zivilgesellschaft
27.09.2020
epd-Gespräch: Cristina Marina
epd

Frauen in Belarus sorgen nach Ansicht der Politologin Olga Dryndova für eine neue Zivilgesellschaft. Die Entscheidung Swetlana Tichanowskajas, anstelle ihres Ehemannes in den Wahlkampf zu ziehen, habe der angeschlagenen Opposition in der ehemaligen Sowjetrepublik wieder Mut gemacht, sagte die Wissenschaftlerin von der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ihr Erfolg bei den Wahlen im vergangenen August habe Männer wie Frauen gezeigt, wie viel auch sie selbst noch bewegen könnten: "Tichanowskajas plötzlicher Aufstieg erinnerte sie an das Märchen von Aschenputtel."

Die anschließenden Massenproteste gegen den langjährigen Präsidenten Alexander Lukaschenko mobilisierten breite Teile der Gesellschaft, erläuterte die Belarus-Expertin. An den Demonstrationen beteiligten sich Umfragen zufolge alle Altersgruppen. Die Belarussen organisierten sich in ihrer Nachbarschaft selbst. "Das gab es vorher nicht." Durch die neue Bewegung hätten die Bürger Zugehörigkeit und Solidarität erfahren: "In Belarus entsteht gerade eine neue Zivilgesellschaft."

Dryndova hofft, dass sich damit auch die Rolle der Frauen verändere. "Es wäre zu wünschen, dass die Gesellschaft ihnen auch für ihre beruflichen Fähigkeiten in Zukunft mehr Respekt zollt." Zurzeit sei Belarus noch immer "ziemlich patriarchalisch". Frauen werde grundsätzlich weniger als Männern zugestanden. Lukaschenko hätte Frauen gar die Fähigkeit abgesprochen, das Amt des Präsidenten auszuüben. Aber auch Oppositionsführerin Tichanowskaja hätte am Anfang ihres Wahlkampfes erklärt, die politische Aufgabe nur aus Liebe und Angst um ihre Familie übernommen zu haben.

Tichanowskaja war stellvertretend für ihren Mann, dem Videoblogger Sergej Tichanowskij, in den Wahlkampf für das höchste Staatsamt gezogen. Tichanowskij war nicht für die Wahl zugelassen und inhaftiert worden. Tichanowskaja hatte betont, dass sie die politische Aufgabe nur bis zu Neuwahlen übernehme.

Ihren Antrieb als Feminismus zu bezeichnen, sei nach westlichem Verständnis deshalb schwierig, sagte die Politikwissenschaftlerin. Überhaupt sei es verfrüht, von der Entwicklung einer feministischen Bewegung zu sprechen: "Eine Gesellschaft verändert sich nicht grundlegend in nur einigen Wochen." Jedoch sei die Beteiligung von Frauen an den Straßenprotesten in diesem Ausmaß neu, erläuterte Dryndova. Die jüngsten Ereignisse hätten die belarussischen Frauen zweifellos gestärkt. Dies könne die Geburt einer neuen Art von Feminismus in Belarus einläuten.

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