Jüdische Gemeinde in Thüringen verstärkt Austausch mit der Polizei

Jüdische Gemeinde in Thüringen verstärkt Austausch mit der Polizei
24.09.2020
epd-Gespräch: Dirk Löhr
epd

Ein Jahr nach dem gescheiterten Anschlag auf die Synagoge in Halle sucht die Jüdische Gemeinde in Thüringen verstärkt den Austausch mit der Polizei. Wichtig sei, dass auch die Polizisten im Vollzug die Ängste der hier lebenden Juden verstehen, "denn die Gefahren sind real", sagte der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Erfurt. Ab 1. Oktober 2020 solle der Dialog der jüdischen Landesgemeinde mit der Thüringer Polizei beginnen.

Viele der Mitglieder lebten immer noch in großer Sorge. "Der Polizist, den sie mit der Maschinenpistole vor der Synagoge stehen sehen, ist deshalb sehr wichtig für sie", erklärte Schramm. Aber was einmal geschehen sei, könne auch wieder geschehen. Zumal Halle und Erfurt sich nicht sehr unterschieden. Auch in Erfurt würden die Sicherheitsanlagen an und um die Synagoge mit Unterstützung des Landes verstärkt. "Dafür sind wir dankbar, denn allein könnten wir das als Gemeinde weder leisten noch bezahlen", räumte der Landesvorsitzende ein.

Er beklagte eine neue Qualität des Antisemitismus in Deutschland und Europa. Selbst das Corona-Virus werde benutzt, die Verschwörungstheorien mit Schuldzuweisungen an Juden auszustatten. Judenfeindlichkeit zeige sich offen und unverhohlen. Dennoch könne von einem neuen Antisemitismus keine Rede sein. "Der ist nicht neu, der war nie weg. Zweitausend Jahre Verleumdung - und die Kirchen hatten da ja eine große Aktie daran - verschwinden nicht über Nacht", so Schramm.

Dabei speise sich die Judenfeindlichkeit nicht zuletzt aus einem stärker werdenden Nationalismus. "Bevor sich dieser Nationalismus in letzter Konsequenz - wie das Beispiel Jugoslawien zeigt - als Krieg gegen die Nachbarn wendet, wird im Inneren nach Schuldigen gesucht. Da haben sich die Juden leider immer wieder als Sündenböcke bewährt", sagte er.

Am 9. Oktober 2019 hatte der schwerbewaffnete Stephan B vergeblich versucht, die Synagoge von Halle zu stürmen. Anschließend erschoss er eine 40 Jahre alte Passantin und in einem Döner-Imbiss einen 20-Jährigen.

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