Ex-Botschafter: Umwandlung der Hagia Sophia in Moschee "seltsam"

Ex-Botschafter: Umwandlung der Hagia Sophia in Moschee "seltsam"

Der ehemalige deutsche Boschafter in der Türkei, Martin Erdmann, hat die Umwandlung der Istanbuler Hagia Sophia in eine Moschee als nicht nachvollziehbar bezeichnet. "Es ist in der Tat seltsam, dass Präsident Erdogan und das Justizsystem, das hinter ihm steht, diese Entscheidung so getroffen hat", sagte Erdmann dem Kölner Deutschlandfunk in einem am Sonntag gesendeten Interview. Mit Blick auf den Weltkulturerbe-Status des Bauwerks wäre das "Land klug beraten gewesen und seine Führung, diese Konversion doch international abzustimmen", fügte Erdmann hinzu: "Wir sehen es ja an den Reaktionen weltweit, zu welcher Verstimmung das international geführt hat."

Das türkische Oberste Verwaltungsgericht hatte am 10. Juli entschieden, dass die Hagia Sophia wieder als Moschee genutzt werden darf. Das Gericht erklärte den Beschluss von 1934 für formal ungültig, der die Hagia Sophia zum Museum gemacht hatte. Auf die Sophienkirche erheben Christen und Muslime gleichermaßen Anspruch. Fast ein Jahrtausend lang war die Hagia Sophia die Hauptkirche des byzantinischen Reiches, bevor sie im 15. Jahrhundert nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen zur Moschee umgewandelt wurde.

Mit der Formulierung "Islamisierung, Re-Islamisierung der Türkei" sei er jedoch sehr vorsichtig, so Erdmann: "Die Türkei ist ein Land, so wie ich es kennengelernt habe, das sehr stark polarisiert ist und in der Mitte der Gesellschaft gespalten ist." Der Versuch, dieses Land zu islamisieren, gehe von einer Gruppierung aus, "die bei weitem nicht die gesamte Gesellschaft abdeckt." Erdmann bezeichnete die türkische Gesellschaft als durch und durch demokratische Gesellschaft. Die Wahlen, die er in seiner Zeit als Botschafter in der Türkei erlebt habe, seien zwar nicht fair jedoch frei gewesen. "Die demokratischen Reflexe in der Türkei funktionieren", sagte Erdmann.

Trotz der schleppenden Verhandlungen über eine Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union warb Erdmann dafür, den Prozess nicht zu beenden. In der Türkei seien mit den Beitrittsverhandlungen große Hoffnungen verbunden, als Mechanismus, der es erlaube, innerstaatliche Reformen von außen anzustoßen. Würden die Verhandlungen beendet, würde sich die EU außerdem eines Instruments entledigen, das sie in einigen Jahren vielleicht gern wieder aktivieren würde. Das werde dann nicht mehr möglich sein. Im Jahr 2018 hatte der Europäische Rat beschlossen, die Verhandlungen nicht fortzuführen. Sie sind formal nicht beendet.

epd cez

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