Experte: Corona-Maßnahmen werfen Kampf gegen Aids um Jahre zurück

Experte: Corona-Maßnahmen werfen Kampf gegen Aids um Jahre zurück
06.07.2020
epd-Gespräch: Natalia Matter
epd

Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie könnten die Bekämpfung von Aids in Afrika um Jahre zurückwerfen. "Bei einem Lockdown von sechs Monaten gehen die UN von einer Verdoppelung der Todeszahlen aus", sagte der Geschäftsführer der Stiftung Weltbevölkerung, Jan Kreutzberg, dem Evangelischen Pressedienst. "Durch die Lieferengpässe bei Medikamenten und dem eingeschränkten Zugang der Patienten könnten auf dem Kontinent zusätzliche 500.000 Menschen an den Folgen von Aids sterben." Das entspreche dem Stand von 2008. "Vor allem die Infektion von Säuglingen bei der Geburt wird dramatisch steigen", sagte Kreutzberg vor Beginn der Welt-Aids-Konferenz am Montag.

Die Mehrzahl der Medikamente, die sogenannten antiretroviralen Mittel, würden in Indien und China hergestellt. Sie können die infizierte Person zwar nicht heilen, aber die Verbreitung des HI-Virus im Körper eindämmen und teilweise eine Übertragung verhindern. "Durch die Anti-Corona-Maßnahmen sind aber Fabriken zu, Grenzen geschlossen, der Flugverkehr eingestellt, und auch der Schiffstransport ist eingeschränkt und deshalb deutlich teurer", sagte Kreutzberg. Auch die Auslieferung in Afrika selbst werde verhindert, weil die Zollabfertigung überlastet sei. "Zudem gewähren die Regierungen nur eingeschränkt Transitgenehmigungen für Lastwagen, weil bei anderen Epidemien wie bei Ebola die Krankheit darüber verbreitet wurde."

Dazu komme, das viele afrikanische Länder zusätzliche Qualitätskontrollen hätten. "Teilweise muss jede Medikamentenlieferung noch mal im Labor getestet werden", beschrieb Kreutzberg, der viele Jahre in Afrika gearbeitet hat. Da aber auch Labore nur eingeschränkt arbeiteten, sei das Prozedere sehr umständlich und langsam. "Die Lager der Hilfsorganisationen, die die Medikamente verteilen, sind komplett leer."

Erschwert sei der Zugang auch für die Patienten selbst. "Viele Kliniken haben zu, und wenn nicht, muss man einen Termin machen." Davon gebe es wegen der Hygieneregeln jedoch deutlich weniger, und die Menschen müssten zunächst zu den Kliniken gelangen können - "um den Termin zu vereinbaren und noch mal um ihn wahrzunehmen". Ein Großteil der HIV-Infizierten kauften die Medikamente im privaten Markt, erläuterte der Geschäftsführer der Entwicklungsorganisation. "Doch vielen Menschen sind durch den Lockdown jegliche Einnahmequellen genommen worden." Und auch die Stellen, an denen Medikamente kostenlos zu erhalten seien, seien vielerorts geschlossen oder sehr weit weg.

Ein weiterer Faktor, die den Zugang zu Medikamenten für HIV-Positive erschwert, ist Kreutzberg zufolge die Angst. "Viele Infizierte wissen, dass sie zur Risikogruppe gehören und wollen das Risiko nicht eingehen."

Grundsätzlich sollten sich Industrie- und Entwicklungsländer bewusst sein, dass die Maßnahmen gegen Corona die Gesundheitssysteme insgesamt belasteten. "Das Thema Corona ist sehr dominant, aber es darf nicht dazu führen, dass wir alle anderen Themen vergessen."

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