Kommission fordert Aufarbeitung von Missbrauch an Heimkindern

Kommission fordert Aufarbeitung von Missbrauch an Heimkindern

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs fordert eine umfassende und unabhängige Aufarbeitung der Heimerziehung in der Bundesrepublik und der DDR. "Bis heute fällt es der Gesellschaft in Deutschland insgesamt, aber vor allem den Trägern der Heimerziehung in Ost und West schwer, sich der Verantwortung umfassend zu stellen", heißt es in einer am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Stellungnahme der Kommission, die mit dem Missbrauchs-Beauftragten des Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig zusammenarbeitet. Bis heute berichteten immer wieder ehemalige Heimkinder von sexueller Gewalt in Heimen der Bundesrepublik und der DDR.

Anlass für die Stellungnahme sind Vorwürfe gegen das ehemalige katholische Piusheim für schwer erziehbare Jugendliche in Glonn (Oberbayern), die Anfang April bekanntwurden. Die Staatsanwaltschaft München II hat Vorermittlungen eingeleitet.

Vielfach sei die sexuelle Gewalt mit zahlreichen anderen Formen physischer und psychischer Gewaltanwendung, mit Demütigung und Erniedrigung einhergegangen, heißt es in der Stellungnahme. "Vor dem Ausmaß und den Folgen der Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen in diesen geschlossenen Systemen - die in der DDR erst 1989 überwunden wurden - verschließt die Gesellschaft in Deutschland nach wie vor die Augen." Die Kommission sehe weiterhin einen erheblichen Aufarbeitungsbedarf, auch um weiteres Leid von Betroffenen im Alter zu verhindern.

Etwa 800.000 Menschen waren nach Angaben der Kommission von 1945 bis Mitte der 70er Jahre in der Bundesrepublik in Heimen untergebracht. Der Staat mit seiner Jugendfürsorge und die privaten Träger der Einrichtungen, insbesondere die beiden großen Kirchen mit ihren Organisationen, hätten ihre Verantwortung für das Kindeswohl grob missachtet. In der DDR waren zwischen 1949 und 1989 etwa 500.000 Kinder in staatlichen Heimeinrichtungen.

Die Kommission fordert außerdem ein angepasstes Konzept für Ausgleichszahlungen. "Nach wie vor stellen sich Fragen zum finanziellen Ausgleich der systematisch verhinderten Lebenschancen, nach Rentenansprüchen und Pflege", heißt es in der Stellungnahme. Viele ehemalige Heimkinder, die Opfer von Gewalt wurden, sind nie erwerbstätig gewesen und leben heute von der Grundsicherung.