IW-Sozialexperte: Krankenversicherung für alle belastet junge Leute

IW-Sozialexperte: Krankenversicherung für alle belastet junge Leute
17.02.2020
epd-Gespräch: Katrin Nordwald
epd

Die durch eine Bertelsmann-Studie ins Gespräch gebrachte Abschaffung der privaten Krankenversicherung würde nach Einschätzung von Fachleuten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) auf lange Sicht stark zulasten junger Menschen in Deutschland gehen. "Belastet werden dabei vor allem die heutigen Kinder- und Enkelgenerationen", sagte der IW-Sozialexperte Jochen Pimpertz dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Köln. Denn ob durch eine Zusammenlegung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung die Solidargemeinschaft dauerhaft entlastet würde, hänge auch von deren künftiger Inanspruchnahme infolge des demografischen Wandels ab. Dort hätten in den kommenden Jahren viele privatversicherte Beamte ein relativ hohes Durchschnittsalter.

Die hohe Lebenserwartung dieser Privatversicherten beeinflusse entsprechend künftige Ausgaben einer "integrativen Sozialversicherung für Gesundheit und Pflege", wie sie die Bertelsmann Stiftung vorschlage. "Da Gesundheits- wie Pflegerisiken mit zunehmendem Alter steigen, droht den Beitragszahlern womöglich ein böses Erwachen, wenn bislang Privatversicherte zeitnah ausgabenintensivere Altersstufen erreichen", warnte Pimpertz, der den Bereich "Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung" am arbeitgebernahen Wirtschaftsforschungsinstitut in Köln leitet.

Ein funktionierendes Solidaritätsprinzip hänge auch davon ab, wie die absehbar steigenden Finanzierungslasten künftig verteilt werden. "Nicht die Abschaffung, sondern der Ausbau kapitalgedeckter Systeme erscheint vor diesem Hintergrund sinnvoll", erklärte Pimpertz. "Nicht etwa, weil diese effizienter seien, sondern weil eine fortgesetzte Verschiebung von Finanzierungslasten auf jüngere Beitragszahler dort ausgeschlossen ist."

Die Bertelsmann Stiftung fordert in einer neuen Studie die Zusammenführung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Demnach könnte die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) jährlich ein finanzielles Plus in Höhe von rund neun Milliarden Euro erzielen, wenn auch Gutverdiener, Beamte und einkommensstarke Selbstständige mit in die GKV einzahlten. Der Beitragssatz könne je nach Szenario um 0,2 bis 0,6 Prozentpunkte sinken. Für jedes derzeit in einer gesetzlichen Kasse versicherte Mitglied und seinen Arbeitgeber bedeute das konkret eine Beitragsersparnis von bis zu 145 Euro im Jahr. Zwei Effekte tragen laut Studie dazu bei: die im Durchschnitt höheren Einkommen der Privatversicherten, die zudem deutlich weniger ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen und damit mutmaßlich gesünder sind.

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