Expertin: Ausbau der alevitischen Theologie dringend nötig

Expertin: Ausbau der alevitischen Theologie dringend nötig

Nach Ansicht der Professorin für alevitisch-theologische Studien an der Universität Wien, Handan Aksünger-Kizil, braucht es in Deutschland dringend eine ordentliche Professur für Alevitische Theologie. Außerdem gebe es auch 18 Jahre nach Einführung des alevitischen Religionsunterrichts zwar Lehrpläne, aber immer noch wegen fehlender Ressourcen keine einheitlichen Lehrmaterialien und Lehrbücher für den alevitischen Unterricht, kritisierte sie am Dienstag auf der Tagung "Aleviten in Deutschland" im Tagungszentrum Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In Deutschland gibt es etwa 550.000 bis 800.000 Aleviten.

Seit 2011 bietet die Pädagogische Hochschule Weingarten (Baden-Württemberg) ein Erweiterungsstudium für Lehrer in alevitischer Religionslehre an. In Hamburg werden laut Aksünger-Kizil seit 2015/2016 alevitische Religionslehrer grundständig ausgebildet. Alevitischer Religionsunterricht findet in neun Bundesländern statt. In der Türkei sind geschätzt etwa zehn bis 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Aleviten.

Der Direktor des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen, Erdal Toprakyaran, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Rande der Tagung, dass es bereits Überlegungen gebe, ein Institut für alevitische Theologie in Tübingen zu errichten. Dies wäre aber nur durch eine staatliche Finanzierung möglich. Auf sunnitischer Seite gebe es bereits bundesweit sieben staatlich finanzierte Zentren für Islamische Theologie.

Yilmaz Kahraman vom Bund der alevitischen Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen sagte, in der Türkei sei die Stigmatisierung und Ausgrenzung der Aleviten auch heute noch Alltag. Deshalb sei es für die Aleviten ein wichtiger Schritt, dass sie in Deutschland die Chance haben, ohne Angst öffentlich über ihren Glauben zu reden und ihn zu leben. Die meisten Aleviten seien gerade dabei, sich vom Islam zu emanzipieren, weil sie mit dem politischen Islam Negatives verbinden, ihre Identitätsfindung sei noch nicht abgeschlossen.

Handan Aksünger-Kizil erläuterte, dass die Aleviten sehr divers seien. Sie fragten sich selbst, wer sie sind und woher sie kommen. Die einen sehen sich als Vertreter des wahren Islams, während die anderen zwar Berührungspunkte zum Islam sehen, dabei aber betonen, dass sie eine eigenständige Religion sind. Eine dritte Gruppe sehe das Alevitentum nicht als Religion, sondern als Philosophie und Weltanschauung, sagte die alevitische Theologin.

Nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) ist das Alevitentum eine eigenständige Bewegung am Rande des Islam. Das Alevitentum entstand aus verschiedenen heterodoxen Strömungen im Zeitraum vom 13. bis 16. Jahrhundert in Anatolien. Es nahm sehr unterschiedliche, auch nichtislamische Einflüsse in sich auf. So sind neben sufischen (islamisch-mystischen) Elementen schamanistische Einflüsse des vorislamischen, alttürkischen Volksglaubens ebenso ausgemacht worden wie Anklänge an christliche Überlieferungen. Mit den Schiiten teilen die Aleviten die besondere Verehrung für Ali, für die Familie Muhammads und die zwölf Imame sowie manche Glaubensvorstellungen, nicht aber die rituelle Praxis.

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