Akademische Pflegeausbildung: "Der Rest Europas ist uns weit voraus"

Akademische Pflegeausbildung: "Der Rest Europas ist uns weit voraus"
14.10.2019
epd
epd-Gespräch: Lynn Osselmann

Berlin (epd). Der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, Franz Wagner, hält es für dringend notwendig, mehr Pflegekräfte an Hochschulen auszubilden. "Eine wachsende Akademisierung der Ausbildung ist sehr sinnvoll, dringend erforderlich und geht viel zu langsam voran", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). In internationalen Studien sei nachgewiesen worden, dass eine akademische Ausbildung zu weniger unerwünschten Ereignissen wie Stürzen und Druckgeschwüren führe.

"Leider wurde die hochschulische Ausbildung im neuen Pflegeberufegesetz benachteiligt. So gibt es zum Beispiel - anders als bei der neuen Hebammenausbildung - keine Praktikumsvergütung für die Studierenden", bemängelte Wagner. Nach dem Gesetz werden ab 2020 die getrennten Ausbildungen in der Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zu einer neuen generalistischen Pflegeausbildung zusammengeführt.

Insgesamt werde die hochschulische Ausbildung in Deutschland von der Politik als weniger wichtig als die klassische Berufsausbildung erachtet, sagte Wagner. "Der Rest Europas ist uns da weit voraus. Die Pflegeausbildung ist in fast allen Ländern ausschließlich an Hochschulen angesiedelt."

Die steigenden und sich wandelnden Anforderungen in der Pflege sieht Wagner als Hauptargument für eine akademische Ausbildung. "Die Bedarfe werden immer komplexer und es geht immer mehr um Beratung und Koordinierung", sagte er. An Hochschulen qualifizierte Pflegefachpersonen würden sowohl in den Krankenhäusern als auch in der Langzeitpflege dringend benötigt. "Die hochschulische Qualifikation ermöglicht einen anderen Zugang zu Problemanalyse und Lösungsfindung auf Augenhöhe."

Bislang sind Pflegefachkräfte mit Hochschulausbildung laut Wagner deutlich in der Minderheit. "Belastbare Zahlen für die Gesamtheit gibt es nicht. Schätzungen liegen bei unter einem Prozent." Der Wissenschaftsrat, der die Bundesregierung und die Landesregierungen berät, habe vor wenigen Jahren eine Quote von zehn bis 20 Prozent gefordert. "Um das zu erreichen, müssen deutliche Anstrengungen bei der Errichtung von Studienplätzen und der Qualifizierung des akademischen Lehrpersonals unternommen werden."

Die Studienabsolventen arbeiteten in allen Bereichen, in denen auch beruflich ausgebildete Pflegefachkräfte tätig sind, sagte Wagner. An der Hochschule lernten sie zudem, die Pflege an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten. "Darauf hat der Patient ja auch einen gesetzlichen Anspruch." Insgesamt arbeiten in der Pflege laut Bundesagentur für Arbeit 1,6 Millionen Menschen.