Linnemann-Vorstoß zu notfalls späterer Einschulung stößt auf Kritik

Deutschland spricht 2019
Linnemann-Vorstoß zu notfalls späterer Einschulung stößt auf Kritik
Hilft es Kindern mit schlechtem Deutsch, wenn ihre Einschulung notfalls zugunsten eines Sprachkurses verzögert wird? Ein Vorschlag aus der CDU stößt auf starken Widerspruch.

Berlin (epd). Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Carsten Linnemann (CDU), ist mit seiner Forderung, schlecht Deutsch sprechende Kinder notfalls später einzuschulen, auf breite Kritik gestoßen. Zustimmung erhielt er aber von Lehrerverbänden für seine Forderung nach einer Vorschulpflicht zum besseren Spracherwerb.

Das GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), eine Zurückstellung der Kinder sei nicht sinnvoll, auch dann nicht, wenn Eltern verpflichtet würden, ihre Kinder in eine Vorschule zu schicken. Kinder lernten am besten gemeinsam in der Grundschule, sofern dort das Angebot stimme, sagte Hoffmann, die im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die Schulen zuständig ist.

Natürlich sei es ein Problem, wenn Kinder in der Grundschule sitzen, die dem Unterricht nicht folgen können. Deshalb müsse Sprachbildung in jeden Unterricht integriert werden, zusätzlich zu Deutschlern-Gruppen für Kinder, die die Sprache nicht ausreichend beherrschen, sagte Hoffmann. Es gebe auch immer mehr deutsche Kinder, auf die das zutreffe. Die Politik müsse deutlich mehr Geld in die Hand nehmen, um den Spracherwerb an Grundschulen zu verbessern. Die Situation sei gegenwärtig in allen Bundesländern "schwierig", vor allem wegen des Personalmangels.

Die Bundesvorsitzende des Grundschulverbandes, Maresi Lassek, kritisierte im Radioprogramm SWR Aktuell den Linnemann-Vorschlag und betonte, Schulen seien darauf eingestellt, Kinder mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen zu empfangen. Der Grundschulverband denke aber darüber nach, das letzte Jahr im Kindergarten verbindlich zu machen.

Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klinzing, unterstützte Linnemanns Idee, Kinder mit Sprachdefiziten zunächst nicht einzuschulen, sondern in Vorschulklassen sprachlich vorzubereiten. Sie sagte der Zeitung "Die Welt" (Dienstag), danach müsse die Sprachförderung parallel zum Unterricht weitergeführt werden.

Alle Bundesländer haben Konzepte zur Sprachdiagnostik und Sprachförderung beim Übergang von der Kita in die Grundschule. Die Deutschkenntnisse der Kinder werden in der Regel im Kita-Alter, vor der Grundschule, getestet, die Tests sind aber nicht überall verpflichtend. Wie es dann mit der Förderung zum Spracherwerb weitergeht, ist sehr unterschiedlich und hängt auch davon ab, wie viel Personal etwa für Extra-Deutschstunden zur Verfügung steht. In vielen Kitas steht der spielerische Spracherwerb auf dem Programm. Sprach-Kitas mit einem Schwerpunkt auf dem Erlernen der deutschen Sprache werden vom Bund gefördert.

Die Grünen und die Linke reagierten kritisch auf Linnemanns Äußerungen. Die Grünen sprachen von einem Rückfall in die 1980er Jahre, wo es die sogenannten Ausländerklassen gegeben habe. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, Jan Korte, warf Linnemann "rechtes Dummgeschwätz" vor. Korte forderte massive Investitionen in Ganztagskitas und Schulen.

Auf Twitter wurden derweil Erfahrungsberichte geteilt. Die baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) schrieb über ihre Anfangszeit in Deutschland, nachdem sie mit ihren Eltern aus der Türkei eingewandert war: "Ich sprach kein Deutsch, als ich als 12-Jährige in die Hauptschule kam. Als meine Nebensitzerin in der 1. Stunde sah, dass ich die Matheaufgabe gelöst hatte, durfte ich sie an der Tafel vorrechnen. Später habe ich ein Steuerbüro aufgebaut und wurde Präsidentin @Landtag_BW".

Nutzer Sachar Klein schrieb: "Ich bin mit 5 nach Deutschland gekommen und sprach bei meiner Einschulung kaum Deutsch. Ich habe mein Abitur geschafft, studiert und betreibe heute einen PR-Agentur." Alice Bota tweetete: "Als ich in einer deutschen Grundschule Ende erster Klasse ankam, konnte ich sagen: Hände hoch, schneller, hallo, danke. Heute sollte so einem Kind wie damals mir also der Zugang zur Schule verwehrt werden. So geht Integration."

epd bm/mey fu