Auslandspfarrer: Italien fühlt sich herumkommandiert

Auslandspfarrer: Italien fühlt sich herumkommandiert
02.07.2019
epd-Gespräch: Bettina Gabbe
epd

Der in Rom tätige deutsche Auslandspfarrer Michael Jonas kritisiert einseitige Forderungen nach einer Aufnahme von Bootsflüchtlingen ausschließlich in Italien. "Der moralische Zeigefinger aus Deutschland kommt hier schlecht an und weckt schlimme Erinnerungen", sagte der Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Rom dem Evangelischen Pressedienst (epd) unter Hinweis auf die deutsche Besatzung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Undifferenzierte Kritik am Vorgehen der Regierung gegen die Kapitänin des Rettungsschiffs "Sea Watch 3", Carola Rackete, und mangelnde Bereitschaft, Seenotrettungsschiffe Häfen anderer Länder anlaufen zu lassen, bestärken aus Jonas Sicht die italienische Haltung.

Die Notwendigkeit, in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten, steht für Jonas außerfrage. Davon sei jedoch die Wahl des sicheren Hafens zu trennen, in den die Geretteten gebracht werden müssten, sagte er unter Anspielung etwa auf Malta. Mit dem Einlaufen in den Hafen von Lampedusa ohne erforderliche Genehmigung habe die "Sea Watch 3" trotz guter Absichten eine Eskalation herbeigeführt. Diese könnte sich "als Bärendienst erweisen, weil sie die Italiener in ihrer harten Haltung bestätigen wird".

Nur wenn die anderen EU-Länder den Vorwurf ernst nähmen, Italien mit dem Zustrom an Flüchtlingen über Jahre alleingelassen zu haben, könnten sie die Kritik des italienischen Innenministers Matteo Salvini ins Leere laufen lassen. "Wir müssen in Europa ein funktionierendes System der Rettung und Migration finden", sagte der Pfarrer. Durch den Streit zwischen Italien und anderen EU-Ländern über die Aufnahme von Bootsflüchtlingen rücke die erforderliche gesamteuropäische Lösung weiter in die Ferne. "Das ist der eigentliche Skandal", sagte Jonas.

Er wies darauf hin, dass zwei Drittel der Italiener hinter der harten Haltung ihrer Regierung gegenüber Flüchtlingen stünden. "Italien fühlt sich von anderen Ländern herumkommandiert", sagte Jonas. Nötig wäre vielmehr die Bereitschaft, die Geretteten in anderen Staaten aufzunehmen.

Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde etwa habe eine Iranerin aufgenommen. Diese wohne in Räumen der Gemeinde und habe durch deren Vermittlung eine Arbeit gefunden. Überdies unterstütze sie seit Jahren afrikanische Mütter.

Der Pfarrer wies auf das Beispiel des Turiner Erzbischofs Cesare Nosiglia hin. Dieser hatte sich bereiterklärt, die Flüchtlinge der "Sea Watch 3" aufzunehmen, ohne Kosten für den italienischen Staat zu verursachen. Deutsche Kritik an Italien ohne gleichzeitige Solidarität befördere dagegen "Konfrontation und antideutsche Stimmung, die dem deutsch-italienischen Verhältnis schadet".

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