Kirchentag zwischen Hoffnungsbotschaft und Klimakatastrophe

Kirchentag zwischen Hoffnungsbotschaft und Klimakatastrophe
«Fridays for Future»-Aktivistin wirft Ministerin Untätigkeit vor - Friedensnobelpreisträger ruft zu Dankbarkeit auf
Nicht nur bei "Fridays for Future" in Aachen, auch auf dem Kirchentag war der Klimaschutz am Freitag ein zentrales Thema. Zur Halbzeit ging es auch um Hass gegen Politiker. Besonders viel Beifall bekam aber ein Aufruf zu Hoffnung.

Die Themen Klimaschutz und Hetze im Internet haben zur Halbzeit am Freitag den evangelischen Kirchentag in Dortmund beherrscht. Die Dortmunder "Fridays for Future"-Aktivistin Merle Bösing warf Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in einer Podiumsdiskussion politische Untätigkeit vor. Der kongolesische Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege verlangte mehr Einsatz der Staatengemeinschaft gegen sexualisierte Gewalt in Konflikten.

Während bei der "Fridays for Future"-Demonstration in Aachen am Freitag Tausende Schüler aus aller Welt auf die Straße gingen, traf auf dem Kirchentag die 17-jährige Aktivistin Bösing auf Bundesumweltministerin Schulze. Die SPD-Politikerin kündigte an, ihr Klimaschutzgesetz solle die amtierende und künftige Regierungen verpflichtend binden. "Ich will, dass wir ganz klare Verantwortlichkeiten haben, wer wie viel CO2 reduzieren muss", sagte Schulze.

Dagegen kritisierte Bösing, die Jugendlichen protestierten seit mehr als einem halben Jahr für das Klima, "doch etwas anderes als Reden ist bislang kaum in der Politik passiert". Die westfälische Präses Annette Kurschus, die auch stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, forderte die Kirchen zu konkretem Handeln gegen die Erderwärmung auf. Es reiche nicht, "Fridays for Future" zu unterstützen: "Wir haben da selber vor unser eigenen Tür zu kehren, es gibt noch ganz schön viel Luft nach oben."

Der kongolesische Friedensnobelpreisträger Mukwege rief die Kirchentagsbesucher zu Dankbarkeit auf. "Ihr habt Frieden, ihr habt Demokratie, ihr könnt euch frei äußern", sagte er. Zugleich erneuerte der Gynäkologe, der im Ostkongo vergewaltigte Frauen operiert, seine Forderung, die Straflosigkeit für Vergewaltiger in der Demokratischen Republik Kongo zu beenden.

Noch bis Sonntag lädt der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dortmund unter dem Leitwort "Was für ein Vertrauen" zu Podien, Gebeten, Workshops und Konzerten ein. In sogenannten Bibelarbeiten, in denen bekannte Persönlichkeiten eine Stelle der Heiligen Schrift deuten, warnten am Freitag Kirchenvertreter und Journalisten vor den Folgen von Hass und Hetze.

"Wenn massiv und systematisch Misstrauen gegen Menschen in politischer Verantwortung gesät wird, Menschen auf dieser Basis attackiert und beschuldigt werden, dann kann das Gift sogar tödlich wirken", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm mit Blick auf die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Auch die Journalistin Dunja Hayali sagte, die Ermordung Lübckes durch einen mutmaßlichen Rechtsextremisten zeige, "dass Hass auch Konsequenzen hat".

Der Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, zeigte sich unterdessen genervt von der Frage nach einer Kanzlerkandidatur. "Die Fragen nach Kanzlerkandidaturen werden beantwortet, wenn sie sich stellen", sagte er. Solchen Fragen schwinge eine Leichtigkeit und Unernsthaftigkeit mit, die angesichts aktueller Probleme unangemessen seien, erklärte Habeck und verwies etwa auf den Klimawandel.

Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, forderte eine Pflege-Vollversicherung. "Es kann nicht sein, dass Pflegebedürftigkeit zum Armutsrisiko für viele wird", sagte er auf dem Kirchentag. Derzeit könnten viele Pflegeheimbewohner ihren Eigenanteil an der stationären Pflege nicht mehr aufbringen. "Das führt zu einer völlig verrückten öffentlichen Finanzierung der Pflege", erklärte Lilie.

Bei allen Bedrohungsszenarien war es der Journalist Heribert Prantl, der mit seiner Rede unter dem Titel "Ängstigt euch nicht - Eine Ermutigung" begeisterten Beifall erntete. Der Journalist der "Süddeutschen Zeitung" forderte mehr Menschlichkeit in der Flüchtlingspolitik, Widerstand gegen Populismus und Mut für Lösungen in der Klimapolitik. Seine mit viel Applaus gefeierte Rede beendete er mit den Worten: "Die Kraft der Hoffnung ist die Kraft gegen die Angst."

epd lwd/max/mih

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