Forscher hält Hitlerglocken in evangelischen Kirchen nicht für Zufall

Glockenturm der Kirche St. Jakob

Foto: dpa/Uwe Anspach

Das Auffinden sogenannter Hitler-Glocken in protestantischen Gotteshäusern ist kein Zufall, wie im Glockenturm der Kirche St. Jakob.

Der Antisemitismus-Forscher Manfred Gailus aus Berlin hält das Auffinden sogenannter Hitler-Glocken vor allem in protestantischen Gotteshäusern nicht für Zufall.

"Als straff zentralisierte Kirche und Bestandteil einer von Rom aus regierten Weltkirche war der deutsche Katholizismus weniger anfällig für die völkischen Ideologien" der NS-Zeit, schreibt der Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin in einem Gastbeitrag für den "Tagesspiegel" (Mittwoch). Aktuell sei keine katholische Kirche bekannt, die betroffen wäre.

"Es gab in der katholischen Kirche keine innerkirchliche, von Theologen geführte Massenbewegung wie die evangelischen Deutschen Christen", schreibt der Historiker. Im Gegensatz zur katholischen seien in der evangelischen Kirche inzwischen allein im Gebiet der Pfalz fünf problematische Glocken aus der Hitlerzeit entdeckt worden, außerdem eine im Saarland, zwei in Niedersachsen und zwei in Berlin. "Insgesamt sind im Reformationsgedenkjahr 2017 etwa ein Dutzend Glocken mit gedenkpolitisch fragwürdigen bis völlig inakzeptablen Widmungen und Symbolen aus der NS-Zeit entdeckt worden", schreibt Gailus. 

Gewiss habe es auch "braune Priester" unter Katholiken gegeben, die Parteimitglied waren oder NS-Ideologie aufnahmen. Auf die Gesamtheit der Priester bezogen machten sie jedoch weniger als ein Prozent aus, schreibt Gailus. Er fügte hinzu: "Wie eine Reihe jüngerer Studien gezeigt hat, gehörten in evangelischen Landeskirchen durchschnittlich etwa 15 bis 20 Prozent der Pfarrer der NSDAP an."