Altbischof Huber warnt vor falsch verstandener Toleranz

Der evangelische Theologe Wolfgang Huber

Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Der evangelische Theologe Wolfgang Huber warnt vor falsch verstandener Toleranz gegenüber Religionen.

Christliche und muslimische Theologen haben vor falsch verstandener Toleranz gegenüber Religionen gewarnt. "Toleranz heißt nicht Gleichgültigkeit", sagte der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, am Mittwochabend in Hannover.

"Wer tolerant ist, führt auch Debatten über die Dinge, die er nicht akzeptieren kann." Dazu zählten die religiöse Rechtfertigung von Gewalt oder Antisemitismus. Huber sprach bei einer Podiumsdiskussion des Hanns-Lilje-Forums zum Thema "Religiöse Pluralität als Herausforderung".

Dies sei nicht nur auf den Islam bezogen, erläuterte der evangelische Theologe. "Ich kann auch nicht leichten Herzens in ein Land fahren, in dem die lutherische Kirche die Frauenordination ablehnt oder wieder abgeschafft hat." Huber warnte davor, den Islam mit Islamismus gleichzusetzen. Terroristen seien bei weitem nicht nur religiös, sondern auch politisch motiviert. Doch es gebe durchaus Muslime, die Terror mit ihrer Religion rechtfertigten. Hier seien vor allem Selbstklärungsprozesse innerhalb des Islam nötig, sagte Huber. Der Islam müsse "pluralismusfähiger" werden - nicht nur aus taktischen Gründen, sondern aus Überzeugung.

Deutschland sei kein säkulares, sondern ein religiös vielfältiges Land, unterstrich der Altbischof. Religionsanhänger seien hierzulande mit einem Bevölkerungsanteil von gut zwei Dritteln weiterhin in der Mehrheit, aber vielfältiger als früher. In dieser Pluralität müssten die christlichen Kirchen wieder stärker das Evangelium als eigenen Glaubenskern hervorheben, forderte Huber. Glaubensgemeinschaften müssten wissen, welche Werte sie trügen, nur dann könnten sie sich kritisch mit anderen auseinandersetzen.

Im interreligiösen Dialog sollten sich alle Beteiligten auf Augenhöhe, aber nicht kritiklos begegnen, sagte auch die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi. Erschütterungen des eigenen Glaubens seien hilfreich. "Es ist eine Anregung, sich selbst zu bewegen." Kritische Fragen sollten aber mit konstruktiver Absicht gestellt werden und nicht, um sich selbst zu erhöhen, betonte sie. "Sonst provoziert man nur Abwehr."

Muslime müssten sich schon fragen, warum sich viele ihrer jungen Leute radikalisierten. Früher habe es auch keine so scharfe Abgrenzung zwischen Sunniten und Schiiten gegeben wie heute, sagte sie. "Da konnte man zusammen beten und untereinander heiraten." Es gebe viele Muslime, die den Islam für die einzig wahre Religion hielten, aber auch solche, die für mehr Akzeptanz von religiöser Vielfalt arbeiteten. Die gebürtige Iranerin warnte jedoch davor, liberale Muslime pauschal als "die Guten" und traditionelle Muslime als "die Bösen" hinzustellen.

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