Privatsender-Verbandschef: Kein Defizit bei politischer Information

Privatsender-Verbandschef: Kein Defizit bei politischer Information
Laut dem aktuellen Programmbericht der Landesmedienanstalten setzen die privaten Programme mehr auf Unterhaltung. Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien betont bei den Medientagen München, es gebe kein Defizit bei der Information.

Der Vorstandsvorsitzende des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), Hans Demmel, sieht im Programm der Privatsender kein generelles Versäumnis bei Information und Politik. Man müsse zwischen Voll- und Spartenprogrammen unterscheiden, die jeweils andere Zielgruppen erreichten, sagte der Geschäftsführer des Nachrichtensenders n-tv am Mittwoch auf den Medientagen München. Das zur RTL-Gruppe gehörende n-tv erreiche beispielsweise täglich 5,5 Millionen Zuschauer.

ProSiebenSat.1-Managerin: Systematik ändern

Hintergrund der Diskussion war der aktuelle Programmbericht der Landesmedienanstalten, der im Mai veröffentlicht wurde. Darin hieß es, dass die privaten Programme insgesamt mehr auf Unterhaltung setzten. Insbesondere neue Formen der inszenierten fiktionalen und nonfiktionalen Unterhaltung nähmen seit einigen Jahren kontinuierlich mehr Sendezeit in Anspruch.

ProSiebenSat.1-Managerin Annette Kümmel sagte in München, die Fixierung des Programmberichts auf Vollprogramme sei falsch. Für künftige Berichte empfehle sie, die Systematik entsprechend zu ändern. Erfolgreiche Informationssendungen aus Spartenkanälen ließen sich nicht einfach in Vollprogramme transferieren, weil dies oft den sogenannten Audience Flow störe. Ein besserer Ansatz sei die stärkere crossmediale Begleitung von Info-Formaten, erklärte Kümmel.

Der Chef der Gremienvorsitzendenkonferenz der Landesmedienanstalten, Winfried Engel, bezeichnete den Verweis auf die Spartenprogramme als nicht zufriedenstellend. Die Privatsender hätten den Auftrag, bei ihren spezifischen Zielgruppen eine Orientierung durch Information zu leisten. "Wenn da bei einigen Vollprogrammen die Werte im Keller sind, muss man das ansprechen", sagte Engel.

Medienwissenschaftler: Highlights Einzelfälle

Der Münchner Medienwissenschaftler Christoph Neuberger sagte, er sehe im Ganzen ein Defizit bei den Privatsendern im Bereich Nachrichten und Information. In manchen Fällen liege der Anteil klassischer politischer Information bei unter zwei Prozent. Die Highlights, die von den Programmverantwortlichen gern ins Feld geführt würden, seien Einzelfälle. So sollte es den Privaten zu denken geben, dass auch jüngere Zuschauer in der Regel die "Tagesschau" der ARD bevorzugten, erklärte Neuberger.

Die am Dienstag eröffneten Medientage München stehen in diesem Jahr unter dem Motto "Mobile & Me - Wie das Ich die Medien steuert". Noch bis Donnerstag beschäftigen sich rund 400 Referenten in etwa 90 Veranstaltungen mit Themen wie Künstliche Intelligenz und Industrie 4.0, Virtual Reality, Frauen in Medienberufen und Start-ups. Die Organisatoren rechnen mit mehr als 6.000 Teilnehmern. Veranstalter des Kongresses sind unter anderem der Freistaat Bayern und die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM).