"Für viele katholische Regeln müssen Ausnahmen möglich sein"

Papst Franziskus hat sich tolerant über den Einsatz von Verhütungsmitteln in Zika-Gebieten geäußert. Drei Fragen an den Paderborner Moraltheologen und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, Peter Schallenberg.

Frankfurt a.M. (epd)epd: Wie sind die Äußerungen des Papstes einzuschätzen, deutet sich eine Änderung der katholischen Sexualmoral an?

Schallenberg: Die Äußerungen im Rahmen eines Gesprächs mit Journalisten im Flugzeug sollten theologisch nicht zu hochgehängt werden. Nicht jede Äußerung des Papstes ist ein unfehlbares Lehramt. Aber möglicherweise deutet sich eine Modifizierung der katholischen Lehre in dem Sinne an, dass die Empfängnisverhütung im Sinne einer Güterabwägung das kleinere Übel ist als eine mögliche gesundheitliche Beeinträchtigung von Mutter oder Kind bei einer Schwangerschaft. Empfängnisverhütung ist für Franziskus nicht absolut Böses, wie er selbst sagt.

epd: Ist der Papst in Fragen der Sexualmoral progressiv?

Schallenberg: Franziskus ist sicher nicht systemisch progressiv oder reformistisch. In anderen Punkten wie der Familienpolitik ist er ja auch eher konservativ. Der Papst nimmt eine pastorale, seelsorgliche Perspektive ein. Er ist davon überzeugt, dass für viele katholische Regeln in der Praxis auch Ausnahmen möglich sein müssen.

epd: Könnten seine Äußerungen Folgen für die katholische Kirche in Deutschland haben?

Schallenberg: Solche Änderungen sind sicher nicht seine Intention. Franziskus will den Gläubigen helfen, die Anforderungen des Glaubens im Alltag zu leben. Seine Bemerkungen zur Empfängnisverhütung sind nach meiner Einschätzung ein Signal, dass die katholische Kirche nicht überall gängelnd eingreifen will. Sie sind ein Zeichen, dass die katholische Kirche nicht fixiert ist auf die Sexualmoral der Menschen und ihnen Raum für eine Gewissensentscheidung lässt.