Nach der Haft in die Altersarmut

epd-bild / Guido Schiefer

Strafgefangene fordern für ihre Arbeit den Mindestlohn.

Gefangene verdienen an einem Tag oft nicht mehr als andere in einer Stunde. Dagegen formiert sich in Haftanstalten Protest. Die Häftlinge fordern den Mindestlohn von 8,50 Euro für ihre Arbeit und einen Schutz vor Altersarmut.

Willich (epd)Bis Mitte 2017 sitzt Anja Meyer noch im Gefängnis - dann kann sie die Frauenanstalt Willich II nach gut vier Jahren verlassen. Im Augenblick geht sie zur Schule, um in der Haft einen Schulabschluss zu machen. Davor hatte sie in der Küche des Gefängnisses gearbeitet. "Das war teilweise richtige Männerarbeit", erinnert sie sich. 200 Euro hat sie dafür monatlich bekommen, etwas mehr wird sie als Überbrückungsgeld für die ersten vier Wochen nach ihrer Entlassung erhalten. Viel zu wenig, sagt Meyer und hat begonnen, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

In den meisten Bundesländern besteht in den Justizvollzugsanstalten Arbeitspflicht. "Gefangene sollen auf ihr Leben in Freiheit vorbereitet werden. Wir fassen die Beschäftigung als einen Teil ihrer Resozialisierung auf", sagt Ulrike Böhm, Anstaltsleiterin in Willich II. Doch für Anja Meyer passt das nicht zusammen: "Wie soll ich mich resozialisieren, wenn man mir klar macht, dass meine Arbeit nichts wert ist?"

Gewerkschaft: Gefängnisse als Billiglohninseln

Diese Frage hat an ihr genagt. Gleichzeitig hatte sich in der Männeranstalt Willich I ein Ableger der Gefangenen-Gewerkschaft Bundes-Organisation (GG/BO) gebildet. "Die Jungs haben sich beklagt, dass wir Frauen nicht mitmachen", erinnert sich Meyer. Und da sich keine andere Frau fand, hat sie die GG/BO im Juli dieses Jahres in die Frauenanstalt geholt. "Dann ging es unheimlich schnell. Nach zwei Tagen waren wir zehn Mitglieder, nach drei Monaten schon 50", sagt sie. Mit den Zielen der GG/BO könnten sich viele Gefangene identifizieren. "Wir fordern, dass wir den Mindestlohn von 8,50 Euro bekommen", erklärt Meyer.

"Ich kann jeden verstehen, der mehr Geld fordert", kommentiert Ulrike Böhm. Doch bei der Umsetzung ist sie skeptisch: "Häftlinge sind keine Arbeitnehmer. Außerdem haben die Frauen Kost und Logis gratis", sagt Anstaltsleiterin Böhm.

Das lässt Oliver Rast, Gründer der GG/BO, nicht gelten. Gefängnisse dienten Unternehmen häufig als Billiglohninseln. "Einige Anstalten werben damit, dass sie Auftragsspitzen für externe Unternehmen abarbeiten", sagt Rast. Geworben werde mit hochmotivierten Arbeitern, deren Leistungen jederzeit abrufbar seien. "Es gibt kaum einen Automobil- oder Elektrokonzern, der nicht in Haftanstalten produzieren lässt. Das ganze tun sie sozialabgabenfrei - das ist skandalös", kritisiert Rast.

Im Alter droht Armut

Anja Meyer bemängelt, dass Gefangene trotz regelmäßiger Arbeit nicht automatisch in die Rentenkassen einzahlen: "Es gibt Leute, die zehn, 15 Jahre einsitzen und keine Rentenbeiträge zahlen. Wie sollen die das auffangen?" Diese Gefangenen würden später in der Altersarmut enden, obdachlos werden oder von der Sozialhilfe leben, warnt Meyer. "Dabei hat der Richter lediglich eine Freiheitsstrafe verhängt - und nicht, dass sie am Hungertuch nagen."

In der Haft ist Anja Meyer, wie sie sagt, politisch geworden. Deshalb will sie sich auch nach ihrer Entlassung weiter für die GG/BO engagieren. "Wir hören zwar oft, dass wir gegen Windmühlen kämpfen und das besser lassen sollen." Umgekehrt werde von Häftlingen aber auch verlangt, dass sie etwas für sich tun sollten. "Genau das machen wir hier", erklärt Meyer.