Die Lady und die Generäle

epd-bild / Rolf Zöllner

Myanmars Freiheits-Ikone Suu Kyi ist auf dem schwierigen Weg zur Realpolitikerin.

Die Lady und die Generäle
Blumen im Haar, Hoffnung im Sinn: Die Opposition in Myanmar kann mit einem haushohen Wahlsieg am Sonntag rechnen. Die Chance wächst, den Militärs die Macht endgültig zu entreißen. Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi predigt indes Versöhnung.

Rangun (epd)In ihrem Wahlkreis Kwahmu wird Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi empfangen wie ein Star. "A May Suu", skandiert die Menge, "Mutter Suu". Für viele in ihrem Volk in Myanmar ist die zierliche Oppositionsführerin die große fürsorgliche Hoffnungsträgerin. Nicht "die Lady", wie sie wegen ihrer Anmut auch oft genannt wird.

Namens-Tatoo

Vor den Wahlen am 8. November warten oft Tausende darauf, dass Suu Kyi zu ihnen spricht. Sie tragen T-Shirts und Stirnbänder im Rot ihrer Partei, der Nationalen Liga für Demokratie (NLD). Manche haben sich sogar ihren Namen in die Haut tätowieren lassen und Blumen mitgebracht.

"Gemeinsam können wir das System verändern", ruft Suu Kyi der Menge zu. Wie immer hat sich die 70-Jährige Blumen ins Haar gesteckt und trägt einen traditionellen Wickelrock. Ihr Charisma lebt davon, dass sie Würde und Anmut mit Herzlichkeit verbindet.

Ein ganzes Volk scheint seine Hoffnungen in diese grazile Person zu setzen. Und die sind groß. Über fünf Jahrzehnte lang musste Myanmar eine Militärjunta erdulden. Erst seit 2011 hat das Land mit mehr als 50 Millionen Einwohnern wieder eine zivile Regierung. Doch sie besteht vorwiegend aus Militärs, die die Uniform ausgezogen haben. Die Wahlen in diesem Jahr sind die erste echte Chance, das zu ändern.

Kampf für Demokratie

Der Oppositionspartei NLD wird ein Erdrutschsieg vorausgesagt - wie 1990, doch damals ignorierte das Militärregime das Wahlergebnis einfach. Für Suu Kyi wäre das der Höhepunkt ihres Kampfes für Demokratie, der 1988 mit Studentenprotesten begann. Das Präsidentenamt aber bleibt ihr verwehrt. Die Verfassung verbietet es, wenn enge Verwandte Ausländer sind. Und sie war mit dem Briten Michael Aris verheiratet, der 1999 starb. Wegen der Ausländerklausel hatte die NLD auch an den ersten vom Militärregime angesetzten Wahlen 2010 nicht teilgenommen.

Eine Parlamentsabstimmung im Sommer änderte an dieser Klausel nichts. In Myanmar wird das Staatsoberhaupt vom Parlament gewählt. Wenn die NLD dort die vorhergesagte satte Mehrheit bekommt, hat sie das Sagen. Doch wen die Partei für das Amt vorsieht, bleibt ein wohlgehütetes Geheimnis. Das Volk jedenfalls vertraut offenbar Suu Kyi, der Tochter des 1947 ermordeten Unabhängigkeitshelden Aung San.

Aus dem Ausland indes wird die Kritik an der Friedensnobelpreisträgerin lauter. Denn die NLD hat allem Anschein nach der Hetze nationalistisch-buddhistischer Mönche nachgegeben und keine Kandidaten aufgestellt, die sich zum Islam bekennen. Zudem äußerte sich die Partei nur sehr vage zum Schicksal der systematisch verfolgten Minderheit der muslimischen Rohingya, von denen viele als Bootsflüchtlinge Schutz in Malaysia oder Indonesien suchen.

Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" und sogar das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, kritisierten Suu Kyi dafür offen. In Myanmar, wo nur sehr wenige mit den Rohingya sympathisieren, halten viele ihr Verhalten für Realpolitik.

Vage Vorschläge

Um Konfrontation ist es Aung San Suu Kyi noch nie gegangen. Als 2012 Sitze im Parlament frei wurden, kandidierte sie bei Nachwahlen und zog in die Volksvertretung ein. Viele hätten sich damals mehr Distanz zur militärgestützten Regierung von Präsident Thein Sein erwartet. Immerhin hatte Suu Kyi mehr als 15 Jahre in Haft oder in Hausarrest verbracht.

Doch Suu Kyi setzt auf Dialog. Vor der Wahl betonte sie auffallend oft: "Wir wollen Versöhnung, niemand muss Angst haben vor einem Sieg der NLD." Die Politikerin weiß, dass sie an den Generälen nicht vorbeikommt. Die Wirtschaft ist eng mit dem Militär verstrickt, das viele Betriebe hat. Ein Viertel der 440 Parlamentssitze ist zudem für das Militär reserviert, sie stehen nicht zur Wahl. Aber Kooperation ist in Suu Kyis Augen die einzige Chance, etwas bewegen zu können.

Suu Kyi liebäugelte deshalb mit der Idee, dem ehemaligen General Shwe Man von der Militärpartei USDP ins Präsidentenamt zu verhelfen, weil er als Reformer gilt. Das ging vielen innerhalb seiner eigenen Partei zu weit. Im August wurde ihm der Vorsitz entzogen.

Auch wenn die NLD mit nur vagen Vorschlägen zur Politik aufwartet und nur um Suu Kyi selbst kreist, hat sie das Volk auf ihrer Seite. "Was immer sie vorhat, ich vertraue A May Suu. Sie wird uns führen", sagt in Kwahmu der 18-jährige Maung San Thit. Dann streckt er sein rotes Fähnchen wieder in die Höhe und winkt seiner Lady strahlend zu.