Klare Kante und Lichter aus

"Licht aus" heißt es heute Abend in Kölner Kirchen.

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"Licht aus" heißt es heute Abend in Kölner Kirchen.

Klare Kante und Lichter aus
Die Kirchen sprechen sich gegen "Pegida" aus und warnen vor einer Teilnahme an den Demonstrationen. In Köln sollen in Kirchengebäuden an diesem Montagabend die Lichter ausgeschaltet werden - aus Protest gegen die islamfeindlichen Aufmärsche. Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland versuchen aber auch, Ängste der Demonstranten ernst zu nehmen.

Verdunkelung mit Ansage: Am Montag sollten am Kölner Dom die Lichter ausgehen. Die katholische Kirche will damit ihren Protest gegen die islamfeindliche Bewegung "Pegida" sichtbar zum Ausdruck bringen, deren  Kölner Ableger "Kögida" am gleichen Abend erstmals durch die Domstadt ziehen wollte. Wer bei der Demonstration mitlaufe, unterstütze extreme Ansichten, sagte Dompropst Norbert Feldhoff. Als "gefährlich" bezeichnete er die "Pegida"-typische Mischung aus Radikalen sowie Menschen aus dem bürgerlichen Lager.

Feldhoff steht mit seiner Einschätzung nicht allein da. Die beiden großen Kirchen in Deutschland lehnen die vielerorts stattfindenden Kundgebungen gegen die vermeintliche "Islamisierung des Abendlandes" rigoros ab. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sprach "Pegida" jegliche christliche Motivation ab. Gegen Fremdenfeindlichkeit sowie jeden Missbrauch des Etiketts "christlich" müsse man klare Kante zeigen, sagte er am Wochenende in einem Rundfunkinterview.

Deutliche Worte in Predigten und Interviews

Bedford-Strohms Vorgänger Nikolaus Schneider legte am Montag nach: Die Bewegung sei "von der Zielsetzung her unchristlich", sagte er der "Rheinischen Post". "Wir können nicht das Abendland verteidigen, indem wir den Islam als Feind ausrufen." Gerade das Eintreten für Flüchtlinge gehöre zu den abendländischen Werten, argumentierte Schneider. Nach Überzeugung des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden haben Christen bei den Kundgebungen von "Pegida" und ihrer Ableger nichts verloren.

Dem schließt sich der katholische Bamberger Erzbischof Ludwig Schick an. Die Aktivisten verbreiteten Rassenhass und schürten irrationale Ängste unter den Menschen, sagte er. "Christen dürfen bei Pegida nicht mitmachen." So weit indes will der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nicht gehen. Zu einem förmlichen Teilnahmeverbot für Christen an "Pegida"-Demos sagte der Münchner Erzbischof, es gebe dazu keine "oberhirtlichen Anweisungen". Aus seiner Ansicht macht Marx gleichwohl kein Hehl: Jeder müsse überlegen, "hinter welchen Transparenten er herläuft".

Scharfe Worte für die Islamfeinde findet auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki: Der Stimmungsmache gegen Flüchtlinge müssten Fakten entgegengesetzt werden, warb er in seiner Silvesterpredigt. 80 Prozent der Menschen blieben in ihren Heimat- oder den Nachbarländern. Nicht das "reiche Europa" habe ein Flüchtlingsproblem, sondern die armen Nachbarn der Krisenregionen, unterstrich der Erzbischof. "Diese Wahrheit verkünden wir zu wenig, zu zaghaft und zu leise." Das gelte gerade, wenn Organisationen meinten, "sie müssten das Abendland gegen Menschen verteidigen, die buchstäblich oft nur ihr nacktes Leben nach Deutschland retten konnten".

Kirchen verdunkeln ist nur ein Anfang

Mit ihren Kundgebungen gegen Muslime, Asylbewerber sowie gegen die deutsche Flüchtlingspolitik halten die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", Kürzel "Pegida", seit Wochen die Republik in Atem. In Dresden, dem Ursprungsort der umstrittenen Bewegung, kamen zwei Tage vor Heiligabend 17.500 Menschen - um gemeinsam Weihnachtslieder zu singen. Kirchenvertreter sprachen daraufhin von einem Missbrauch der Weihnachtsbotschaft. Ungeachtet dessen will der evangelische sächsische Landesbischof Jochen Bohl das Gespräch mit den Demonstranten suchen.

Denn einig sind sich die Kirchenvertreter auch in ihrer Warnung, die Teilnehmer der "Pegida"-Kundgebungen pauschal zu verdammen. "Man darf die Leute nicht gleich als Neonazis abtun", sagt EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm. Stattdessen müsse man genau hinsehen, welche Motive hinter den Protesten steckten. "Ich möchte verstehen, warum Menschen bei solchen Demonstrationen mitlaufen", ergänzt der bayerische Landesbischof. Marx wiederum wendet sich gegen eine Überbewertung von "Pegida". Die Gruppe solle nicht ständig so hochgezogen werden, als sei sie die "wichtigste politische Bewegung in unserem Land".

Was tun mit Blick auf islamfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft? Die Kirchen sprechen sich gegen "Pegida" aus, wollen aber die berechtigten Ängste ernstnehmen, die sich hinter den Kundgebungen verbergen - etwa vor sozialem Abstieg oder generell vor dem Fremden, Unbekannten. Bedford-Strohm wirbt unter anderem für "Begegnungsräume", bei denen "Menschen wirklich Flüchtlinge kennenlernen". Den Kirchengemeinden vor Ort kommt dabei wohl eine entscheidende Funktion zu. Gotteshäuser bei "Pegida"-Kundgebungen zu verdunkeln, ist nur ein Anfang.