Hilfe für Syrien: "Was ist der Preis für ein Menschenleben?"

Mariangela Sglavo und Vanessa Wendel sammeln Hilfsgüter für Syrien.

Foto: Ruben Neugebauer

Mariangela Sglavo und Vanessa Wendel nehmen im Hinterhof eines Sanitätshauses in Berlin-Neuköln Spenden entgegen.

Hilfe für Syrien: "Was ist der Preis für ein Menschenleben?"
Derzeit bestimmt der Luftkrieg gegen den "Islamischen Staat" die Berichterstattung aus Nahost, allenfalls noch die Waffenlieferungen an die Kurden. Völlig aus dem Blick geraten ist dagegen die humanitäre Hilfe für Syrien. Drei junge Frauen bringen deshalb schon zum zweiten Mal auf eigene Faust Hilfsgüter von Berlin nach Aleppo. Die Lehramtsstudentin Vanessa Wendel erklärt vor dem Start des Transports, was sie motiviert und warum sie die gefährliche Reise trotz aller Ängste auf sich nimmt.
06.10.2014
Ruben Neugebauer und Björn Kietzmann

Vanessa, du organisierst zusammen mit Freuden einen Hilfstransport nach Aleppo. Was genau habt Ihr vor?

Vanessa Wendel: Unser Projekt heißt "3433 Kilometer" – so weit ist es von Berlin nach Aleppo. Im Moment sammeln wir noch Spenden auf der Crowdfunding-Plattform indiegogo und dann wollen wir mit drei Fahrzeugen voller medizinischer Hilfsgüter und warmer Kinderkleidung Richtung Syrien fahren. An der Grenze übergeben wir die Autos dann an syrische Helfer, die die letzten Kilometer zu einem Krankenhaus in Aleppo zurücklegen.

Wäre es nicht viel einfacher, für eine Hilfsorganisation zu spenden, statt die Sachen selbst zu transportieren?

Wendel: Uns ist schon bewusst, dass eine große Organisation die Hilfsgüter vermutlich günstiger nach Syrien bringen könnte – aber es passiert einfach viel zu wenig. Wenn wir diesen Transport nicht machen würden, würden halt auch diese Autos fehlen – und was ist der Preis für ein Menschenleben? Bei einer früheren Spendensammel-Aktion haben manche Spender auch ihr Misstrauen gegen die großen Verbände ausgedrückt; sie meinten, dass das Gespendete nicht komplett da ankommt, wo es landen soll. Also hatten wir die Idee, unsere Kontakte zu nutzen und eigenständig eine Spendensammlung zu organisieren. Innerhalb von zwei Wochen hatten wir einen Krankenwagen und einen LKW voller Kleidung organisiert. Und weil es beim ersten Mal so gut geklappt hat, wollen wir es jetzt nochmal machen – allerdings etwas geplanter und gezielter.

Was macht ihr anders als beim ersten Mal?

Wendel: Wir haben damals einen richtigen Krankenwagen gekauft, das werden wir diesmal nicht mehr machen. Nicht nur, weil der Wagen teurer war als andere Fahrzeuge. So ein Rettungswagen fällt in einem Kriegsgebiet auch einfach auf – und dadurch erhöht sich die Gefahr, dass er gezielt angegriffen oder gestohlen wird.

"Wäre die medizinische Versorgung besser gewesen, würde Tamer vermutlich noch leben"

Ist es nicht schwierig, aus der Ferne zu beurteilen, was in Aleppo gebraucht wird?

Wendel: In Aleppo fehlt es tatsächlich an allem. Wir haben aber von den Ärzten in dem Krankenhaus, mit dem wir zusammenarbeiten, vorab eine Liste bekommen mit Dingen, die sie besonders dringend brauchen. Unter anderem werden wir voll ausgestattete Sanitäter-Rucksäcke dabei haben und Wundkompressen, denn oft gibt es in den syrischen Krankenhäusern nicht einmal genug steriles Verbandsmaterial. Außerdem haben wir orthopädische Produkte für die vielen Kriegsverletzten dabei. Auch die drei Fahrzeuge – ein VW-Bus und zwei Kombis – sind Teil der Spende: Sie sollen vor Ort als Krankenwagen eingesetzt werden

Es gibt viele Krisenregionen, in denen Hilfe benötigt. Warum habt ihr Euch ausgerechnet für Syrien entschieden?

Wendel: Ich habe Syrien schon vor dem Bürgerkrieg kennengelernt. Als Arabistik-Studentin war ich im Sommer 2009 für drei Monate in Damaskus – und war begeistert, wie die Menschen dort zusammenleben, sowohl Muslime als auch Christen. Es war einfach so pulsierend. Doch ich erfuhr auch von den Schattenseiten des Systems. Viele Menschen erzählten von Gefängnisaufenthalten und Folter, der Geheimdienst war allgegenwärtig. Einmal stand er sogar in meiner Wohnung und kopierte die Pässe aller Anwesenden.

Und nun willst du aktiv werden – weil du selbst vor Ort warst?

Wendel: Ja, aber nicht nur. In Damaskus habe ich den syrischen Filmemacher Tamer Alawam kennengelernt, der zu einem sehr guten Freund wurde. Er hat zuletzt in Berlin gelebt, ist aber immer wieder für mehrere Wochen in sein Heimatland gereist und hat als Journalist für ARD, BBC und andere Sender über den Bürgerkrieg berichtet. Vor zwei Jahren wurde Tamer in Aleppo von einer Granate getroffen – wäre die medizinische Versorgung dort besser gewesen, würde er vermutlich noch leben. Von seinem Tod erfuhr ich über Facebook. Mariangela, die in Rom Orientalistik studierte, kannte ich zuvor gar nicht. Der Tod von Tamer hat uns zusammengeführt. Und zusammen beschlossen wir, dass wir etwas tun müssen.

Wer sind die Kontaktleute, die die Transporter an der türkisch-syrischen Grenze übernehmen sollen?

Wendel: Wir haben valide Kontakte vor Ort, die wir vor allem auch über den letzten Transport kennen. Allerdings können wir aus Sicherheitsgründen im Moment keine Details nennen, um den Transport nicht zu gefährden. Die gespendete Kinderkleidung geht an Familien in Flüchtlingscamps in der Grenzregion.

"Meine Mutter macht sich natürlich Sorgen. Aber sie findet es auch gut, was ich mache und ist stolz auf mich"

Wie stellt ihr sicher, dass die Hilfsgüter auch wirklich dort ankommen, wo sie hin sollen?

Wendel: Ein Teil des Projektes ist eine umfassende Dokumentation des Transports, wir wollen ja zeigen, dass es möglich ist zu helfen. Dazu gehört auch, dass unsere Partner vor Ort uns Videos oder Fotos schicken, wie das Material vor Ort eingesetzt wird.

Syrien hat sich in den letzten Jahren zu einem der gefährlichsten Länder für Hilfskräfte und Berichterstatter entwickelt. Seit eineinhalb Jahren kommt es vermehrt zu Entführungen, auch im Grenzgebiet. Hast du keine Angst?

Wendel: Letztes Mal hatte ich weniger Angst als jetzt. Auch wenn wir selbst nur bis zur Grenze fahren, ist mir die Gefahr zum Beispiel von Anschlägen durchaus bewusst, aber dieses Risiko nehme ich gerne auf mich. Auch um unser Projekt nicht zu gefährden, begleite ich die Hilfsgüter nicht direkt bis nach Aleppo. Denn mit meinem Aussehen würde ich in Syrien schon auffallen.

Wie gehen deine Familie und deine Freunde damit um?

Wendel: Meine Mutter macht sich natürlich Sorgen. Aber sie findet es auch gut, was ich mache und ist stolz auf mich. Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen, denn ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle so gut damit umgehen könnte. Die meisten in meinem Umfeld sehen es glaube ich sehr positiv. Ich bemühe mich auch darum, ihnen die Sorgen zu nehmen und sie zu beruhigen, denn ich will ja nicht etwas Gutes tun und gleichzeitig bekommen die Leute zuhause Magengeschwüre vor Sorgen.