"Radikale Islamisten vertreten eine rückwärtsgewandte Utopie"

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Foto: Getty Images/iStockphoto/Oleg Zabielin

"Radikale Islamisten vertreten eine rückwärtsgewandte Utopie"
Die radikal-sunnitische Gruppe "Islamischer Staat" (IS), die den Irak und Syrien terrorisiert, hat zahlreiche Europäer in ihren Reihen. Allein aus Deutschland sollen rund 400 Kämpfer stammen. Was treibt die Dschihadisten an? Wie lässt sich die Gefahr eindämmen, die von ihnen ausgeht? Und was passiert, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren? Fragen an die Wiener evangelische Theologin und Religionspsychologin Susanne Heine.

Frau Professor Heine, wie entsteht religiöser Fanatismus?

Susanne Heine: Das ist ein neuzeitliches und sehr komplexes Phänomen. Radikalisierte Menschen handeln nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung". Sie glauben, dass sie sich gegen Säkularität und Religionsverlust verteidigen müssen. Nicht nur für den "neuen Atheismus" gelten Gläubige ja auch oft als irrational, nicht auf der Höhe der Vernunft. Radikale verteidigen ihre religiöse Identität. Religion wird heute in unserer westlichen Kultur politisch für Konflikte und Kriege verantwortlich gemacht, ist aber inhaltlich kaum ein öffentliches Thema mehr. So entsteht ein religiöser Analphabetismus, der für religiöse Propaganda anfällig macht. Wir brauchen mehr religiöse Bildung.

Hinzu kommen andere Dinge, wie soziale Spannungen durch Migrationsbewegungen, Arbeitslosigkeit, die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, sozialer Abstieg. Migranten mit akademischen Berufen im Herkunftsland können in Europa zu "Underdogs" werden. Bei der Frage nach der Identität spielt die Religion eine große Rolle, weil sie gemeinschaftsbildend wirkt. Viele Migranten werden erst im Gastland religiös. 

Steckt hinter der religiösen Gewaltbereitschaft, die unter solchen Umständen entstehen kann, auch ein Minderwertigkeitsgefühl?

Heine: Ich nenne es verletzte Würde. Aus psychologischer Sicht gesagt: Menschen können sehr viel an Verlusten ertragen - aber am schwersten trifft sie Demütigung. Muslime erleben das, wenn auch nicht immer persönlich, durch die Medien, wenn ich etwa an die Vorfälle in Guantánamo denke, aber auch durch antiislamische Parolen in Europa. Radikale sehen sich als Opfer, nicht als Täter. Gedemütigte Menschen sinnen nicht direkt auf Rache, sondern entwickeln ein Gefühl von Grandiosität, das sie berechtigt, andere zu demütigen. Dazu müssen sie die anderen erst einmal zu Untermenschen erklären. 

Über das Gewaltpotenzial von Religionen wird schon lange diskutiert. Erhöht eine religiöse Prägung nun die Neigung zu Gewalt, oder stehen Fanatiker eher für eine Pervertierung von Religion?

Heine: Sie stehen für eine selektive Wahrnehmung. Im Prinzip plädieren alle Religionen für das friedliche Zusammenleben der Menschen. Im Alten Testament gibt es den Satz: Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. Religionen stehen auch für den Schutz der Menschenwürde. Doch die Geschichte der Religionen ist eingebettet in eine Gewaltgeschichte. Das Christentum entsteht im römischen Reich, das andauernd Kriege führte und Palästina besetzte, wo es ständig Aufstände gab. Der Islam entsteht in Arabien, wo ununterbrochen Stammeskriege stattfanden.

Der Kontext spiegelt sich in den Quellen, Bibel und Koran. Nimmt man die kriegerischen Ereignisse von damals zu einem geschichtslosen Maßstab für heute, fördert das die Gewaltbereitschaft. Fanatiker sind selektive Traditionalisten. Sie holen sich das aus den Quellen, was ihrem Weltbild entspricht. Das ist eine Art Zelt-Mentalität: Wir im Zelt sind die Guten, die draußen sind die Bösen. Daher haben wir das Recht, alle da draußen zu bekämpfen.

"Je größer die Spannung zwischen Vision und Realität, desto größer die Ungeduld"

Neigt der Islam generell stärker zur Gewalt als andere Religionen, oder entsteht dieses Bild lediglich durch die mediale Berichterstattung?

Heine: Die Berichterstattung greift immer die negativen Spitzenereignisse heraus. Wenn man die zusammenhängt, bekommt man natürlich dieses schreckliche Bild. Es sollte zwischen dem Islam als Religion und seiner Gewaltgeschichte unterschieden werden, wie bei anderen Religionen auch.

Der "Islamische Staat" treibt gerade in Syrien und vor allem im Nordirak sein Unwesen. Viele Europäer kämpfen dort als Terroristen. Was passiert mit ihnen, wenn sie mit der Erfahrung des Krieges zurückkommen?

Heine: Das ist schwer einzuschätzen. Erhöhte Aufmerksamkeit ist jedenfalls gefragt. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass manche, die zurückkommen, von dieser Schlachterei genug haben. Aber es steht noch etwas anderes dahinter. Die IS-Leute haben einen syrisch-irakischen Grenzposten eingenommen und erklärt, dass die nach dem Ersten Weltkrieg im Mittleren Osten gezogenen Grenzen zerschlagen seien. Es braucht eine politische Lösung, denn es geht um die Nachwehen des Kolonialismus, für den Europa verantwortlich ist.

Was können die Staaten und Gesellschaften konkret tun?

Heine: Prävention ist schwierig. Im islamischen Religionsunterricht lässt sich den Kindern und Jugendlichen nahebringen, was der Islam wirklich bedeutet - dass er mit Terrorismus und Selbstmordattentaten nichts zu tun hat. Dass das nicht korangemäß ist, sondern eine große Sünde. Es geht vor allen Dingen um die Jugendlichen. Aber wenn sich diese nicht zu Unrecht deutlich unterprivilegiert fühlen, muss darüber hinaus auch sozial etwas getan werden. Bildung spielt eine große Rolle. Die Kritik geht ja auch bei uns dahin, dass die Wirtschaft dominiert und die Bildung auf der Strecke bleibt. Sie ist immer noch ein entscheidendes Mittel gegen Anfälligkeit für radikale Tendenzen.

Viele sprechen mit Blick auf den IS-Terrorismus von einem Missbrauch der Religion. Teilen Sie diese Einschätzung?

Heine: Religionen haben durchaus ein Verführungspotenzial. Es ist nicht so, dass sich die Radikalen hinsetzen und überlegen, wie sie die Religion für ihre Zwecke benutzen können. So läuft das nicht. Religionen entwerfen Heilswelten: das himmlische Jerusalem, das Paradies, das ewige Glück. Das verführt dazu, die heile Welt schon hier und jetzt herstellen zu wollen und nicht auf das Jenseits zu warten. Je größer die Spannung zwischen Vision und Realität, desto größer die Ungeduld. Insofern spielt die Religion mit.

Aber können wir den jungen Männern, die da in den Krieg ziehen, diese religiöse Motivation tatsächlich abnehmen, oder sind sie nur abenteuer- und mordlustig?

Heine: Das kann sich mischen. Wer in Europa ein unterprivilegiertes Leben führt, wird leichter abenteuerlustig. Und malt sich dann aus, in seiner Terrorgruppe eine bessere Stellung zu haben und alle Tabus brechen zu können. Es gibt nie eine einzige Ursache, aber die religiöse Motivation ist mit dabei. Der Anführer von IS nennt sich Abu Bakr, nach dem Gefährten von Mohammed und ersten Kalifen. Das ist kein Zufall. Die Radikalen vertreten eine rückwärtsgewandte Utopie, sie gehen von einer geschichtlichen Heilszeit aus, die es so nie gegeben hat, aber für die Motivation eine entscheidende Rolle spielt. Sonst ließe sich nicht der Hass auf alle erklären, die außerhalb des Zeltes sitzen und die Gefolgschaft verweigern. Da wird nicht strategisch abgeschätzt, ob Gewalt und Gräueltaten einen Sinn machen.

Die Terroristen sind von einem auch in den Medien sichtbaren Hass erfüllt. Starke Emotionen zeigen immer, dass es nicht um ein Kalkül geht, sondern um eine tiefer liegende, innere psychosoziale Dynamik. Das rechtfertigt freilich nicht, was geschieht.

Buchtipp: Susanne Heine/Ömer Özsoy/Christoph Schwöbel/Abdullah Takim (Hg.): Christen und Muslime im Gespräch. Eine Verständigung über Kernthemen der Theologie, Gütersloh 2014. Gütersloher Verlagshaus, 384 Seiten, 29,99 Euro (erscheint am 27. Oktober).