"Ich fühle mich dem Mann aus Nazareth sehr verbunden"

Konstantin Wecker

Foto: Thomas Becker

Konstantin Wecker

"Ich fühle mich dem Mann aus Nazareth sehr verbunden"
Als glühender Atheist und Pazifist hat sich der Liedermacher Konstantin Wecker einen Namen gemacht. Jetzt hat er das Buch "Mönch und Krieger" geschrieben, in dem er seine spirituellen Seiten beschreibt.

Konstantin Wecker, geboren 1947 in München, ist Liedermacher, Schauspieler und Autor. 1995 wurde er wegen Drogenbesitzes verhaftet und 2000 zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. 2002 trat er nach Skandalen um die Vatikanbank aus der katholischen Kirche aus. In seinen Liedern und außerhalb der Bühne engagiert sich Wecker seit Jahrzehnten gegen Rechtsradikalismus und für Frieden und Gerechtigkeit. In seinem Internetmagazin www.hinter-den-schlagzeilen.de schreibt er regelmäßig über aktuelle Themen und greift spirituelle Themen auf.

Herr Wecker, haben Sie heute schon meditiert?

Konstantin Wecker: Heute nicht. Seit zwei Jahren bin ich etwas nachlässig.

Aber Meditieren gehört sich doch für einen Mönch.

Wecker: Ja, natürlich. Wir müssen aber darauf achten, was wir mit Meditieren meinen. Buddha sagt: Es gibt so viele Wege der Meditation, wie es Menschen gibt. Ich denke, bei mir war es immer das Klavierspielen, besonders das Improvisieren. Da kann man sich so sehr forttreiben lassen, dass alle Nebenschauplätze verschwimmen, die dauernd im eigenen Denken präsent sind.

Der Titel Ihres aktuellen Buchs heißt "Mönch und Krieger". Sehen Sie sich wirklich als Mönch?

Wecker: Nicht im klassischen Sinn. "Mönch und Krieger“" ist ein Zitat aus einem meiner Lieder. Es sind zwei Symbole, die für eine Idee stehen, die ich mit dem Buch vermitteln will: dass es möglich ist, Spiritualität und politisches Engagement miteinander zu verbinden. Natürlich klingt es zunächst eigenartig, wenn ein Mensch vom Mönchischen spricht, der einmal geschrieben hat: "Wer nicht genießt, ist ungenießbar" und "Genug ist nicht genug". Aber die Sehnsucht nach einem Leben in Kontemplation war schon immer in mir. Manchmal gelang es mir auch, so zu leben – allerdings nie allzu lang. (lacht)

Und wie ist das mit dem Krieger in Ihnen?

Wecker: Das Kriegerische zu betonen, klingt noch provokanter, weil ich ja ein bekennender Pazifist bin. Aber für mich ist das Kriegerische ein Symbol dafür, dass Pazifismus nicht heißt, ein Weichei zu sein. Einer, der sich nur hinstellt und links und rechts ohrfeigen lässt. Dass man als Pazifist also durchaus radikal sein kann und es viele Möglichkeiten gibt, gewaltfrei auf eine Idee aufmerksam zu machen.

Brauchte es die Reife des Alters, um solche Gedanken äußern zu können?

Wecker: Bestimmt. Wobei ich zu meinen spirituellen Erlebnissen immer stand, die ich schon als Kind hatte. Es waren Erlebnisse, durch die mir klar wurde, dass es mehr Dinge gibt "zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt", wie es bei Shakespeare so schön heißt. Einen großen non-rationalen Raum, den wir nicht mit dem Denken erfassen können, der aber trotzdem da ist und den wir erahnen können.

"Gibt es überhaupt irgendetwas, das wir nicht anschauen?"

Und den Sie Gott nennen?

Wecker: Mit dem Wort Gott habe ich so meine Probleme, aber ich benutze es. Selbst in der Zeit, als ich alles geschlachtet habe, was nur mit Religion und Gott zu tun hat, als junger Mann und bekennender, glühender Atheist, hatte ich nie Probleme mit dem Gott Rilkes. Wenn er in seinem "Stunden-Buch" über Gott schreibt, war das für mich immer völlig verständlich und klar. Das musste ich nicht bekämpfen, und ich wollte das auch nicht bekämpfen.

Weil es Ihrer Vorstellung von Gott nahe kommt?

Wecker: Ja. Etwa in dem schönen Gedicht: "Was wirst du tun Gott, wenn ich sterbe?" Rilke fragt, ob es Gott nur dann gibt, wenn er von uns angeschaut wird. Ebenso können wir fragen: Gibt es den Mond, wenn wir ihn nicht anschauen? Gibt es überhaupt irgendetwas, das wir nicht anschauen? Ähnliches lehrt uns die Quantenmechanik: dass nur, wenn wir hinschauen, etwas passiert.

Und so ist das auch mit Gott – eine Einbildung und deswegen existent?

Wecker: Möglicherweise.

In welchen Momenten fühlen Sie sich Gott besonders nahe?

Wecker: Wenn ich Musik mache, oft auch, wenn ich Gedichte lese. Die schönsten spirituellen Erlebnisse, sind aber einfach passiert. Die kann man nicht erzwingen, indem man sagt: Jetzt meditiere ich fleißig jeden Tag drei Stunden. Es gibt Leute, die haben ihr Leben lang überhaupt nicht über Spiritualität und Meditation nachgedacht und hatten dennoch ein Erleuchtungserlebnis.

Erleuchtung – ein Begriff aus dem Buddhismus. Holen sie sich hier Anregungen für Ihren Glauben?

Wecker: Ich habe viel über den Buddhismus gelesen und Bernie Glassman, den jüdischen Zenmeister aus den USA, einmal gefragt: Was ist Erleuchtung? Da sagt er: So genau weiß ich das auch nicht, aber ich glaube, erleuchtet ist man, wenn man, was man tut, wirklich tut. Das finde ich grandios.

"Das mystische Verständnis, dass man Gott in sich erfahren kann, ist mir sehr nah"

Gibt es auch Mönchstraditionen, von denen Sie etwas für sich gelernt haben?

Wecker: Ja, von den Wüstenvätern, den ersten frühchristlichen Mönchen. Auch von Mystikern wie Meister Eckhart, den ich sehr verehre. Und überhaupt von Menschen, die eine besondere Begabung haben, stundenlang in die Einsamkeit mit sich selbst zu gehen. Menschen, die die Gabe und Fähigkeit besitzen, so in sich zu gehen, dass sie uns von dem Abenteuer, das sie in sich erleben, etwas erzählen können. Dieses mystische Verständnis, dass man Gott, wenn überhaupt, in sich erfahren kann, ist mir also sehr nah. Über den Buddhismus habe ich vor Jahren zur christlichen Mystik gefunden.

Sie sind 2002 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Fühlen Sie sich heute einer Religionsgemeinschaft besonders nah?

Wecker: Wenn jemand sagen würde, ich sei Katholik, Methodist, Schiit oder sonst etwas, würde ich das als Kriegserklärung empfinden. Aber: Ich fühle mich dem "Mann aus Nazareth", wie Jürgen Drewermann sagt, sehr verbunden. Drewermann sagt bewusst "Mann aus Nazareth", weil er betonen will, dass Jesus ein Mensch war und er eine unglaublich schöne, große Idee in die Welt gebracht hat: die der Liebe und des Mitgefühls. Die Idee hat sich gehalten, aber sie ist leider nicht besonders toll verwaltet worden von den Kirchen.

In Ihrem Buch zitieren Sie den islamischen Mystiker Rumi. Haben Sie sich auch hier Anregungen geholt?

Wecker: Rumi hat wunderschöne Gedichte geschrieben. Man merkt, wie erfüllt er und andere von ihrer Liebe zu Gott sind. Da ist eine unglaubliche Kraft in der islamischen Mystik. Als ob diese Menschen permanent verliebt wären. Deswegen packen sie auch das Leben anders an. Wenn ich von einer großen Liebe erfüllt bin, lebt es sich anders, leichter. Ich denke, in der Mystik sind sich alle monotheistischen Religionen gleich.

Autor*in

Sind Sie so etwas wie ein interreligiöser Mystiker?

Wecker: Ich denke, ein Mystiker ist immer interreligiös.

Es gibt auch solche, die sich einer bestimmten Religion näher fühlen.

Wecker: Ja, klar. Bei mir ist es auch so. Die tibetischen Bilder- und Götterwelt finde ich spannend, aber was im Christentum beschrieben wird, ist mir von den Bildern näher. Ohne, dass ich der Meinung bin, dass sei die einzig wahre Religion. Man kann sich gerade als Mystiker die Religion aussuchen, die einem am nächsten ist. Letztlich ist das eh wurscht. (lacht)

Buchtipp: Konstantin Wecker, Mönch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt, Gütersloher Verlagshaus 2014.