Diskriminierung ist der Nährboden für Aids

Aids

Foto: Anoek De Groot/Polaris/laif

Prostituierte in Indonesien

Diskriminierung ist der Nährboden für Aids
Schwule, Sexarbeiterinnen und Drogenabhängige haben weltweit ein hohes HIV-Risiko. So lange sie in vielen Ländern der Welt verfolgt werden, wird sich das nicht ändern. Auf der Welt-Aids-Konferenz in Melbourne wurde ein Umdenken sichtbar.

Eines wurde deutlicher denn je bei der Welt-Aids-Konferenz in Melbourne: Der Kampf gegen die Immunschwächekrankheit kann nur gewonnen werden, wenn die Schwächsten in der Gesellschaft gestärkt werden. "Diskriminierung ist der Nährboden für HIV", sagte der Direktor des Globalen Aidsfonds, Mark Dybul. Die Kriminalisierung von Homosexuellen, Prostituierten und Drogensüchtigen unterwandere die Fortschritte bei der Aidsbekämpfung. Diese Gruppen, die einem hohen Risiko ausgesetzt seien, könnten wegen restriktiver Gesetze nicht für Prävention und Behandlung erreicht werden.

"Die grausame Wirklichkeit ist, dass überall auf der Welt Stigma und Diskriminierung weiter die Haupthindernisse für eine flächendeckende Gesundheitsversorgung sind", sagte die Medizin-Nobelpreisträgerin Françoise Barré-Sinoussi, Co-Vorsitzende der Konferenz, die vom 20. bis 25. Juli im australischen Melbourne stattfand. Wenn Prostituierte entkriminalisiert würden, könnten bis zu 46 Prozent der Aids-Infektionen bei ihnen und ihren Kunden vermieden werden, ergaben Forschungen, die jüngst im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht wurden.

Alarm in Uganda, Nigeria und Russland

Weltweit liegt die HIV-Rate bei Sexarbeitern beiderlei Geschlechts bei bis zu 14 Prozent, bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen, die sich prostituieren, sogar bei 27 Prozent, während in der Gesamtbevölkerung die Verbreitung bei 0,8 Prozent liegt. Nach Angaben des weltweiten Netzwerks von Prostituierten-Projekten (NSWP) gilt in vielen Ländern der Besitz von Kondomen bereits als Beweis für Prostitution - mit juristischen und sozialen Folgen. Entsprechend gefährlich ist es, sich auf das HI-Virus testen zu lassen oder sich Aids-Medikamente verschreiben zu lassen.

Ähnlich verhält es sich bei Schwulen, Lesben und Transsexuellen. "Es ist eine statistische Tatsache, dass die Länder, die Homosexuelle kriminalisieren, höhere HIV-Infektionsraten haben", sagt Charles Radcliffe, Abteilungsleiter beim UN-Hochkommissariat für Menschenrechte in New York. 78 Länder weltweit verfolgen gleichgeschlechtliche Beziehungen strafrechtlich, in sieben davon gilt die Todesstrafe.

Aids-Organisationen in Uganda, Nigeria und Russland schlagen Alarm, weil sie seit der Verschärfung der Homosexualitätsverbote kaum mehr mit Schwulen, Lesben und Transsexuellen in Kontakt treten können, zum Beispiel um ihnen Kondome zu geben. "Wir befürchten, dass die Erfolge, die bei der Bekämpfung von Aids beispielsweise in Uganda erreicht wurden, durch diese restriktiven Gesetze zunichtegemacht werden", betont Radcliffe.

Schwule führen Doppelleben und gefährden ihre Familien

Laut dem jüngsten UN-Aids-Bericht ist die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion bei Männern, die Sex mit Männern haben, 19-mal höher als beim Rest der Bevölkerung. Und obwohl die HIV-Raten in den meisten Erdteilen zurückgehen, steigt sie bei dieser Gruppe in einigen Regionen wie Asien weiter an, wo dieser Übertragungsweg in mehreren Ländern der häufigste ist. "Die Infektionsraten sind höher, weil Homosexuelle in vielen Ländern Verfolgung fürchten müssen, wenn sie als solche erkannt werden", erläutert Patrick Eba, Menschenrechtsbeauftragter des Aids-Programms der Vereinten Nationen, UNAIDS.

Gesellschaftlich sei die Verfolgung auch deshalb verheerend, weil Schwule, um nicht erkannt zu werden, Beziehungen mit Frauen eingingen, heirateten, Kinder zeugten. "Die Frauen und Kinder werden einem hohen Risiko ausgesetzt." Auch die Gewalt gegen Homosexuelle befördere die Verbreitung des HI-Virus. Wenn Schwule und Lesben wegen ihrer sexuellen Orientierung vergewaltigt werden, werden sie oft von den Angreifern angesteckt.

In Melbourne war es erstmals auf einer Welt-Aids-Konferenz durchgehend Konsens, dass man die bislang oftmals geächteten Risikogruppen mehr in den Fokus nehmen muss. "Es herrscht Einigkeit darüber, dass HIV eine Krankheit ist, die stark von sozialen Faktoren abhängt, und nicht nur mit Medikamenten bekämpft werden kann", sagt der Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe, Holger Wicht. UNAIDS-Direktor Michel Sidibé betonte, die Aids-Epidemie könne nur überwunden werden, wenn "niemand zurückgelassen werde".