Leichenschau am Alex: Berlin streitet über "Körperwelten"

Ausstellung "Körperwelten" wieder in Deutschland

Foto: epd-bild / Matthias Ernert

Leichenschau am Alex: Berlin streitet über "Körperwelten"
Seine Ausstellungen sorgen immer wieder für Besucherrekorde. Der Boulevard nennt ihn "Dr. Tod" und "Dr. Horror". In Berlin will der Leichen-Präparator Gunther von Hagens endlich eine permanente Ausstellung. Doch es gibt Widerstand.

Leichenfledderei oder Aufklärungsshow - über die bisherigen Ausstellungen des umstrittenen Leichen-Plastinators Gunther von Hagens gehen die Meinungen auseinander. Die Hauptstadt diskutiert seit Monaten über von Hagens Pläne, ein "Körperwelten"-Museum unter dem Berliner Fernsehturm im Herzen der Stadt zu eröffnen. Schon im Herbst soll es soweit sein.

Wissenschaft oder Verstoß gegen die Menschenwürde

Die Genehmigung für das Museum steht allerdings noch aus. Das zuständige Bezirksamt Mitte prüft seit Wochen, ob die Präsentation von menschlichen Präparaten und Ganzkörperplastinaten gegen das Berliner Bestattungsgesetz verstößt. Das verbietet nämlich das "öffentliche Ausstellen von Leichen". Auch die "Körperwelten"-Anwälte sind aktiv.


Der zur Neutralität verpflichtete Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) sieht mit Blick auf das Bestattungsgesetz "hohe Hürden". Die "Körperwelten"-Betreibergesellschaft sei aufgefordert worden, "prüffähige Unterlagen" vorzulegen, sagte der SPD-Politiker dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Mit seinen "Körperwelten"-Ausstellungen hat der Heidelberger Plastinator in den vergangenen beiden Jahrzehnten Millionen Besucher angelockt. Zu sehen sind speziell konservierte Leichen und einzelne Körperteile. In Berlin gastierte die Ausstellung bereits dreimal - 2001, 2009 und zuletzt 2011.

Auf öffentliche Kritik stoßen immer wieder die arrangierten Ganzkörper-Plastinate wie die eines Kartenspielers oder eines kopulierendes Paares. In zahlreichen Gerichtsentscheidungen ist zwischen der Wissenschaftsfreiheit - auf die sich von Hagens beruft - und der Menschenwürde der Toten abgewogen worden. Dabei haben die Gerichte den temporären Ausstellungen bislang grundsätzlich grünes Licht gegeben. Beschränkungen gab es lediglich für besonders auffällige Exponate.

Kirche kritisiert "Voyeurismus von Noch-Lebenden"

In unmittelbarer Nachbarschaft zum geplanten Museum in Berlin steht die evangelische Marienkirche. Wegen ihrer Kunstschätze und Lage ist die gotische Hallenkirche Anziehungspunkt für Touristen. In einem Brief an die Verantwortlichen im Bezirk wendet sich der Gemeindekirchenrat von St. Petri-St. Marien gegen die "Zur-Schau-Stellung toter Menschen". Tote seien keine Handelsware.

Für den Fall, dass das Museum kommt, will die Kirchengemeinde mit Veranstaltungen zum würdevollen Umgang mit Tod und Sterben dagegenhalten, wie Gemeindesprecherin Anna Poeschel ankündigte. Der Evangelische Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte wirft von Hagens vor, "unter dem Vorwand medizinischer Aufklärung und Wissensvermittlung" höchstens den "Voyeurismus von Noch-Lebenden" zu befriedigen.

"Körperwelten"-Kuratorin Angelina Whalley hat für die von den Kirchen vorgebrachte Kritik offenbar nur wenig Verständnis. Es handele sich keineswegs um eine "marktschreierische Veranstaltung, wo man sich einen billigen Kick holt", sagte die Medizinerin und Ehefrau des Plastinators dem epd. Die Toten, die in den bisherigen Ausstellungen zu sehen sind, seien zu Lebzeiten aufgeklärt worden und hätten dies als letzten Willen verfügt.

Medizinhistoriker: Effektheischende Aufbereitung von "Show-Leichnamen"

Ein Kenner der Materie ist Thomas Schnalke. Der Direktor des Medizinhistorischen Museums der Berliner Charité spricht von "Show-Leichnamen" in den "Körperwelten"-Ausstellungen. Der menschliche Körper werde allein in der Absicht zur Schau gestellt, um "mit ihm Aufmerksamkeit zu erzielen".

Schnalkes Sammlung mit historischen Präparaten menschlicher Körperteile besuchen rund 80.000 Menschen im Jahr. Für die geplante Berliner "Körperwelten"-Dauerausstellung empfiehlt der Medizinhistoriker, auf die Präsentation ganzer Leichen zu verzichten. Langfristig wäre eine didaktisch aufbereitete Präsentation erfolgreicher, "als eine effektheischende Darbietung, die nach einem halben Jahr ihre Anziehung verloren hat".