Mehr Betreuung - weniger Armut für Alleinerziehende

Mehr Betreuung - weniger Armut für Alleinerziehende
Ein flächendeckendes Angebot an Kinderbetreuungsplätzen könnte rund 110.000 Alleinerziehende in Arbeit bringen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die am Donnerstag von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), dem Institut und dem Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, in Berlin vorgestellt wurde.

Frühkindliche Ganztagsbetreuung senke das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und steigere die Bildungschancen ihrer Kinder deutlich, heißt es in der Untersuchung. Schröder schränkte ein, bei der Studie handele es sich um "eine ökonomisch orientierte Modellrechnung" über die Effekte von Vollzeitarbeit und Ganztagsbetreuung.

"Die Wirklichkeit ist aber komplexer", sagte die Ministerin. Die Mehrzahl der Alleinerziehenden wolle keine Vollzeit-, sondern eine Teilzeitstelle und flexible Arbeitszeiten. Sie seien besonders auf eine gute Infrastruktur angewiesen. An dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kleinkinder ab August 2013 werde nicht gerüttelt. Allerdings werde es noch ein "Kraftakt" genügend Plätze zu schaffen, sagte Schröder.

Hohes Armutsrisiko bei Alleinerziehenden

Die 1,6 Millionen Alleinerziehenden machen rund ein Fünftel der Familien mit Kindern in Deutschland aus. Der Studie zufolge zeigen sie einen starken Aufstiegswillen, können aber wegen fehlender Betreuungsplätze Beruf und Familie oft nicht vereinbaren. Das hat Folgen. Arbeitslose Alleinerziehende sind zu 56 Prozent von Armut bedroht, Vollzeiterwerbstätige zu fünf Prozent und von den Müttern, die in Teilzeit arbeiten, jede Fünfte.

Neun von zehn Alleinerziehenden sind Mütter, die Väter betreuen vor allem ältere Kinder und können Beruf und Arbeit leichter vereinbaren. Der Studie zufolge profitieren auch die Kinder von der Betreuung. Gehen sie länger als ein Jahr in die Kindertagesstätte, erhöhen sich ihre Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften gemessen an der PISA-Punktzahl für 15-Jährige um 41 bis 54 Punkte. Kinder von Paaren verbessern sich etwa um die Hälfte. IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös führte die Unterschiede darauf zurück, dass Vollzeit arbeitende Alleinerziehende, deren Kinder betreut werden, einen überdurchschnittlichen Bildungsstand haben.

Ganztagsbetreuung für Kinder aus Ein-Eltern-Familien

Um eine flächendeckende Ganztagsbetreuung für Alleinerziehende sicherzustellen, müssten die Ausgaben gegenüber heute um 2,4 Milliarden Euro im Jahr fast verdoppelt werden. Heute gibt der Staat 2,9 Milliarden Euro für die Betreuung allein der Kinder aus Ein-Eltern-Familien aus. Dafür sänken mittelfristig die Sozialausgaben für Alleinerziehende und stiegen die Sozialabgaben, sagte Klös. Ab 2030 zahle sich die Investition aus, später profitiere die Gesellschaft auch finanziell deutlich von der Berufstätigkeit der Alleinerziehenden.

Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, betonte, jedes Kind ab einem Jahr sollte einen Rechtsanspruch auf einen Ganztags-Betreuungsplatz haben. Ein umfassendes Angebot an Ganztags-Betreuungsplätzen würde das Wohlergehen von 175.000 Kindern besser absichern.

Zur Berücksichtigung von Studienergebnissen im Allgemeinen, sagte Schröder, wissenschaftliche Untersuchungen lieferten wichtige Fakten: "Wir geben viele Studien in Auftrag." Werturteile und Entscheidungen zu fällen, sei aber Aufgabe der Politik. Sie ging damit auf einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (Donnerstagsausgabe) ein, wonach das Familienministerium die Veröffentlichung unliebsamer Studienergebnisse verzögern soll.

epd