"Wir sollen Menschen sein und nicht Gott"

"Wir sollen Menschen sein und nicht Gott"
Zum Auftakt der evangelischen Fastenaktion "7 Wochen ohne" predigte die Münchner Regionalbischöfin und Kuratoriumsvorsitzende der Aktion Susanne Breit-Keßler in Frankfurt. Evangelisch.de dokumentiert ihre Predigt über Mathhäus 4,1-11.
26.02.2012
Von Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

diesmal will ich hoch hinaus. Freunde kommen zu Besuch und ich koche. Mindestens sieben Gänge sollen es sein. Mein Mann verdreht die Augen. "Warum soviel? Weniger, genau so mit Liebe gemacht, tut es doch auch." Ich winke ab. Es muss richtig aufgetischt werden, finde ich. Ein ganzer Tag mit mächtig viel Arbeit geht drauf. "Gut genug" ist nach meiner Ansicht eben nicht das Beste für meine Freunde. Alles klappt bestens und ich bin abends eine vergnügte, fitte Gastgeberin. Geht doch.

Aber vielleicht hat mein Mann trotzdem Recht. Denn wenn ich so weiter mache, dann liege ich möglicherweise an Ostern wegen lauter arbeiten, putzen, backen und Nester basteln auf der Nase. Klar freue ich mich, dass mein Menü ein voller Erfolg war. Aber: Ist mein Ehrgeiz immer dann vollkommen in Ordnung, wenn ich alles schaffe und Erfolg habe? Umgekehrt: Wenn es mich umhaut, wenn ich erschöpft bin, wäre dann weniger mehr, also gut genug gewesen? Es gibt einen wichtigen Hinweis, der stammt von Martin Schmidt, der während der Nazizeit an dieser Dreikönigskirche Pfarrer war. Er hat sich Gedanken über den Maßstab für richtigen Ehrgeiz gemacht und schrieb: "Die in den Dingen Gebundenen  verwechseln Erfolg mit Frucht (…) Nach Erfolg wird gejagt (…) Auf Frucht wird gewartet."

Genau. Erfolg hat mit Dingen, mit Geld und Position zu tun. Oft genug damit, dass wir uns verkrampfen, allerlei Krämpfe veranstalten, um super gut da zu stehen. Wir sollen so leben, dass es uns und unseren Mitmenschen an Leib und Seele gut tut, wir Freude am Dasein haben. 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz – Gut genug! Ich kann diese Aufmunterung brauchen. Das Bibelwort unterstützt eine solche Aufmunterung. Lassen Sie uns auf eine ziemlich aufregende Geschichte hören. Sie steht im 4.Kapitel des Evangelisten Matthäus.

Eine revolutionäre Versuchung

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde. Beinahe beiläufig steht es da. Wir sind manchmal nah dran, vom Ehrgeiz getrieben in die Wüste zu geraten. Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Welch verlockende Vorstellung – bestimmt auch für den ausgezehrten Jesus - aus toter Materie Lebensmittel zu machen, eigenen Hunger und Durst und den von Millionen Menschen stillen. Richtig groß rauskommen, weltweit. Es ist eine revolutionäre Versuchung. Unsagbares Elend in Afrika, in Lateinamerika - welcher einfühlsame Mensch würde nicht gern Steine in Brot verwandeln?

Aus Steinen Brot machen: Es ist verlockend, immer und überall für alle da zu sein, unverzichtbar zu werden. Es ist verführerisch, alles zu tun, bevor andere überhaupt überlegen und sagen können, was sie selbst rauchen. Allmächtig sein, göttlich gut sein zu wollen, ist Triebfeder manch ehrgeiziger Projekte. Natürlich ist unser Ehrgeiz, für ausreichend Nahrung, Kleidung und Wohnung bei allen Menschen zu sorgen, vollkommen angebracht. Gegen das Elend alles Menschenmögliche zu tun, ist wahrhaft sinnvoller Ehrgeiz. Aber Jesus weiß, was der Teufel letztlich wirklich will: Wäre es nicht verlockend, mit einem Fingerschnippen alles herstellen zu könne, wonach es Menschen hungert, wonach sie manchmal auch gieren? Denn der Hunger des Menschen ist unersättlich: Noch größere Wohnung, viel schickeres Auto…

Deshalb antwortet Jesus: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, bloß zu essen, zu trinken und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Voller Bauch und dickes Gehaltskonto beruhigen, aber sie machen nicht auf Dauer glücklich. Das weiß, wer Angst kennt, wen Einsamkeit auffrisst, wem grenzenloser Ehrgeiz die Seele raubt. Außerdem: Das, was ich mir ehrgeizig aneigne, um gut dazustehen, geht eh irgendwann den Weg alles Irdischen. Weltliche Dinge halten nicht ewig... Wir können gelassen auf den Ehrgeiz verzichten, den tollsten Wein im Keller oder die neuesten Designersachen zu besitzen. Ehrgeiziges Streben nur nach dem Feinsten bringt nicht die Frucht, die ich mir von meinem Leben wünsche. Ich zehre lieber vonder Gewissheit, dass ich ein himmlisches Recht habezu sein – und nicht erst mit Feuereifer etwas aus mir machen muss.

Es ist verlockend, himmlische Kräfte zu beschwören

Kaum hat Jesus die Versuchung pariert, aus sicheinen überirdischen Helden zu machen, der dieMenschheit aus allen materiellen Nöten befreit,kommt die nächste Verlockung. Der Teufel stellt ihnauf die Zinne des Tempels und sagt: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab. Spring doch, es kann dirnichts geschehen... Du bist unverletzbar. Dir kann nichts etwas anhaben – du bist nie müde, nie ausgebrannt, dich haut es nicht um. Burnout ist was für die anderen. Du doch nicht! Du bist immer frisch und munter. Dann bist du göttlich! Dann liegtdir alles zu Füßen. Jesus spürt, wie wir es alle spüren: Es ist verlockend, himmlische Kräfte zu beschwören, damit sie unsere geplanten Weitsprünge unterstützen, unseren Ehrgeiz abfedern, in den Olymp der Super-Hausfrauen, der Topmanager, Spitzenschülerinnen und First-class-Handwerkeraufzusteigen. Ohne jedes Anzeichen der Erschöpfung.

Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen, sagt Jesus. Es macht kaputt, wenn man den Ehrgeiz hat, immer der oder die Beste zu sein. Viele von uns müssen sogar in ihren Beziehungen lernen: Für den anderen immer gut drauf sein zu wollen, kann auch zum Ehrgeiz werden, der in den Abgrund reißt. Partnerschaften scheitern an dem Bedürfnis nach Sensationen, nach Außergewöhnlichem. Sie scheitern an der Versuchung, die Normalität zuleugnen. Positiv formuliert: Wer sich wirklich liebt, freut sich nicht bloß über Extravaganzen, sondernauch über den gemeinsamen Alltag, am kleinen Blumenstrauß, lächelt gemeinsam über die Schwächen, die man hat – jedenfalls ab und zu.

Jesus verzichtet darauf, showtime zu machen, eine tolle Vorstellung seiner Unverletzbarkeit zu geben. Er hat so gar keinen Sinn dafür, der Superstar zu sein, bermenschlich zu wirken. Er bleibt auch in dieser Versuchung ganz er selbst. Ganz Mensch mit dem Grundvertrauen: Ich bin auch ohne Bungee Jumping gut genug, ich brauche keinen kritiklosen Fanclub. Ich werde von Gott bedingungslos geliebt mit all meinen normalen Seiten. So kann man sich fallenlassen, aufgefangen werden und dann auch andere auffangen. Die letzte Versuchung in unserer Geschichte. Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Es ist eine Versuchung, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, um ehrgeizige Ziele zu erreichen.

Leben bleibt auf der Strecke

Was an Goethes Faust erinnert, an Märchen, in denen der Bocksbeinige auftritt, und einem allerlei Seligkeiten verspricht, das hat einen höchst alltäglichen Kern. Man lässt eine Überzeugung unter den Tisch fallen, weil sonst ein großartiger Plan nicht weiterverfolgt werden kann. "Der Zweck heiligt die Mittel" sagt man und redet sich ein, dass miese Verfahren zu etwas Gutem führen. Da will einer einen Posten kriegen, weil ihm seiner nicht gut genug ist, und greift zu übler Nachrede, um die Konkurrenten auszuschalten. In einer Familie
wird alles den Karrierewünschen der Eltern untergeordnet: Freundschaften, Urlaube, Sonntage. Es ist eine große Versuchung, koste es, was es wolle, das Beste für sich heraus zu holen. Dabei bleibt Leben, bleiben ganze Leben auf der Strecke.

Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen, sagt Jesus schließlich. Da verlässt ihn der Teufel. Bei aller Einsicht: Es ist schwer, den alltäglichen Versuchungen nicht zu erliegen. Schneller, stärker, höher. Jesus nimmt die Kraft dafür nicht aus sich selbst. Er wehrt sich mit der Rückbesinnung auf seine geistige Herkunft. Das macht mir das Herz leichter. Ich bin keine Heldin, die immer aus eigener Vernunft und Kraft weiß, wann es mal gut ist und wann ich besser einen Zahn zulegen sollte. Der Heilige Geist, so sagt unser Ahnherr Luther, "hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten". Innere Freiheit kommt aus der Überzeugung, dass Gott die wahre Alternative zu teuflischer Macht ist, auch zu der, die mitten in meinem Kopf und Herzen hockt und mir sagt: "Das war nicht gut genug. Du bist nicht gut genug."

Nur mit innerer Freiheit kann ich sagen: "Doch. Es ist gut. Denn ich bin gut genug – und für Gott bin ich es allemal." Das kann deswegen klappen, weil er es selbst vorgemacht hat. Drei Angebote bekommt Jesus, sich vom Ehrgeiz packen zu lassen und zu zeigen, dass er in jeder Hinsicht allen anderen überlegen ist. Groß rauskommen hätte er können, mit Gewalt etwas aus sich machen, jedes Mittel hätte ihm dazu recht sein dürfen. Dreimal lehnt er entschlossen ab. Er bleibt ganz Mensch – und setzt seine Gaben, sein Charisma dazu ein, Menschen zur Seite zu stehen,  im Leben und im Tod, in unseren Passionszeiten. Wozu? Luther sagt: "Wir sollen Menschen sein und nicht Gott – das ist die Summe." Eine richtig gute Idee. Amen.