Das tödliche Risiko der Mütter in Ostafrika

Das tödliche Risiko der Mütter in Ostafrika
Alte Geräte, leere Arzneischränke und fehlendes Personal: Die Geburtskliniken im afrikanischen Malawi leiden unter chronischem Geldmangel. Dennoch versucht die Regierung, die Sterberate bei Müttern zu senken.

Jede Schwangerschaft ist ein Wagnis. Dorothy Matopetsa erwartet ihr fünftes Kind. Die 28-Jährige mit gelb-blauer Mütze und buntem Wickeltuch ist im siebten Monat schwanger. Seit vier Stunden sitzt sie geduldig auf einer langen Holzbank im Bezirkshospital von Lilongwe, der Hauptstadt des südostafrikanischen Landes Malawi. Rund 50 andere schwangere Frauen warten mit ihr. Zwei Untersuchungen vor der Geburt sind im staatlichen Gesundheitswesen kostenlos. Trotzdem bleibt das Risiko gefährlicher Komplikationen hoch.

Etwa drei von hundert Müttern sterben in Malawi während einer Schwangerschaft oder Geburt. In den meisten anderen ostafrikanischen Staaten ist die Lage genauso dramatisch, wie die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zeigen. Die Geburtsklinik in Lilongwe gehört zu den besseren in Malawi. Doch frisch gestrichene Wände und makellos gekleidete Krankenschwestern können über den Mangel nicht hinwegtäuschen. Betten, Stühle, medizinisches Gerät: Fast alles ist alt, abgenutzt, technisch überholt.

Kinder sterben, weil Beatmungsgeräte fehlen

"Personal fehlt uns am meisten", sagt eine Hebamme, die ihren Namen nicht genannt haben möchte. Nur mit unzähligen Überstunden sei der Betrieb am Laufen zu halten. Regelmäßig fällt der Strom aus. "Wir verlieren hier mehrere Kinder pro Monat, weil wir sie nicht beatmen können", bedauert sie. Denn es gibt nur ein Beatmungsgerät. In den vergangenen Monaten hat sich die Lage noch zugespitzt, es fehlen auch Medikamente.

Wichtige Geberländer wie Großbritannien und Deutschland haben Hilfsgelder eingefroren, weil sie Malawis Regierung undemokratisches Verhalten und die Benachteiligung von Lesben und Schwulen vorwerfen. Wie in vielen afrikanischen Ländern ist Homosexualität in Malawi strafbar. Nun erwägt die Regierung immerhin eine Gesetzesänderung.

Seit 2011 hält Deutschland 15 Millionen Euro Budgethilfe zurück

Seit dem Frühjahr 2011 hält Deutschland 15 Millionen Euro sogenannte Budgethilfe zurück, die für Malawis Staatshaushalt bestimmt sind. Weitere fünf Millionen Euro aus einem anderen Topf gab das Entwicklungsministerium in Berlin dagegen nach einiger Zeit frei, um einer "akuten Medikamentenknappheit entgegenzuwirken".

Im Hospital von Lilongwe werden an einem Tag 40 bis 50 Kinder geboren. Dass Frauen in einem Krankenhaus niederkommen, ist mittlerweile Pflicht. Denn bei traditionellen Hausgeburten kommt es zu oft zu Komplikationen, vor allem bei schwangeren Teenagern. Jede zehnte Frau in Malawi ist mit 15 Jahren schon verheiratet, jede zweite mit 18. Auch die Frauen, die heimlich abtreiben lassen, gehen oft hohe Risiken ein. Schwangerschaftsabbrüche sind in Malawi verboten.

Das Gesundheitsministerium will über Familienplanung und Aids aufklären

Es sieht nicht so aus, als könne das südostafrikanische Land mit 15 Millionen Einwohnern das Millenniums-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen erreichen, die Müttersterberate von 1990 bis 2015 um drei Viertel zu verringern. Bis 2008 ging die Todesrate um knapp die Hälfte zurück, seitdem stagniert sie jedoch.

Das Gesundheitsministerium versucht, über Hygiene, Familienplanung und Aids aufzuklären. Immerhin nutzen zwei von fünf Malawierinnen heute Verhütungsmethoden, mehr als in anderen Staaten Ostafrikas. Ein Drittel der verheirateten Frauen hat aber noch kein Wissen über Familienplanung. Sie leben in abgelegenen Dörfern, in denen allein die Männer das Sagen haben."Wir wissen längst, dass es nicht reicht, nur die Frauen gesundheitlich zu unterrichten", sagt Effie Pelekamoyo, Leiterin der Gesundheitsorganisation FPAM. "Wir müssen den Männern klar machen, dass sie ihre Frauen eventuell verlieren, wenn sie jedes Jahr ein Kind bekommen sollen." Doch der Sinneswandel braucht Zeit.

Dorothy Matopetsa bekam ihr erstes Baby mit 20. "Das fünfte Kind soll unser letztes sein", sagt sie heute, acht Jahre später. "Mein Mann hat das so entschieden." Er fürchtet, sie könnte danach keine weitere Schwangerschaft überstehen. Daher will sie sich nach der Geburt des fünften Kindes sterilisieren lassen und hofft, dass die Klinik dafür aufkommt. Selbst bezahlen kann sie den Eingriff nicht. Bisher hat sie mit Dreimonatsspritzen verhütet. Von Kondomen will ihr Mann nichts wissen.

epd