In den Fluten von Bangkok geht auch die Solidarität unter

In den Fluten von Bangkok geht auch die Solidarität unter
Die Menschen in Thailands Hauptstadt Bangkok fürchten sich noch immer vor der Flutkatastrophe. Noch ist die Hauptstadt nicht komplett überschwemmt, aber der Fluss Chao Phraya steht bis zum Rand der Flutbarrieren. Die Flut im Golf von Thailand drückt zusätzlich auf den Fluss. Die Behörden warnen und bereiten sich auf Evakuierungen vor. Dass das Wasser noch sinkt, daran glaubt keiner mehr: Wer kann, solle gehen, empfiehlt Bangkoks Gouverneur. Aber nicht alle können.

Zusammen mit einem Kollegen hievt Wong in einem italienischen Restaurant in der Convent Straße in Bangkok die Sitzbänke auf weiße Bausteine. "Vielleicht kommt ja das Wasser schon in dieser Nacht", sagt Wong und fügt hinzu: "Ich wünschte fast, das Wasser würde endlich kommen." Der Frust der 30-Jährigen ist nachvollziehbar. Seit gut zwei Wochen nun lebt Bangkok in Erwartung einer Hochwasserwelle. Die Informationen darüber, ob das Wasser kommt, wann es kommt, wie viel kommt oder ob Bangkok doch verschont bleibt, sind ungenau, widersprüchlich, verwirrend.

In das Management der schlimmsten Hochwasserkatastrophe Thailands seit mehr als einem halben Jahrhundert sind 17 Ministerien, ein Krisenzentrum namens FROC, die Wasser- und Flutbehörden der Stadtverwaltung Bangkok Metropolitan Administration (BMA) sowie die erst seit knapp zwei Monaten amtierende Regierung der politisch unerfahrenen Yinluck Shinawatra, Premierministerin von Gnaden ihres durch einen Militärputsch gestürzten und im Exil lebenden Bruders Thaksin, verwickelt. Bangkoks Gouverneur Sukhumbhand Paribatra hingegen gehört den mit den "Gelbhemden" liierten Demokraten an, die als Instrument des Establishments aus Adel, Beamten und Militär gelten. Yinlucks Pheu-Thai-Partei und die Demokraten aber sind sich spinnefeind.

"Alle sind so selbstsüchtig"

Böse Gerüchte über die Bevorzugung bestimmter politischer Gruppen bei der Hochwasserhilfe verschärfen die politische Spaltung Thailands. Im Lager der Gelbhemden ist man davon überzeugt, das Hochwasser sei nur deshalb so katastrophal, weil die Regierung vor allem von den Rothemden dominierte Regionen trocken halten will. Die Rothemden ihrerseits verdächtigen Gelbhemden und Demokraten der Sabotage des Hochwassermanagements von Yinluck. Alle zusammen, so Postings in den sozialen Internetmedien, verweigern den zumeist aus Birma stammenden Migrantenarbeitern in den Hochwassergebieten Essens- und Wasserrationen aus den Hilfslieferungen.

Auch die Boote werden knapp in Bangkok. Die Menschen versuchen ihr Hab und Gut zu retten, wie sie können. Foto: Michael Lenz

Die Kakophonie der Hochwassermanager erzeugt zunehmend eine Stimmung des "Rette sich, wer kann". Wong ist entsetzt über das Verhalten ihrer Landsleute in der Hochwassergefahr. "Alle sind so selbstsüchtig", sagt sie. Die Selbstsucht macht Wong an den Hamsterkäufen von Trinkwasser fest. "Die Reichen kaufen das ganze Wasser auf, ob sie das brauchen oder nicht. Den Armen bleibt nichts."

Trinkwasser in Flaschen ist in den Supermärkten und den allgegenwärtigen 7-Eleven-Shops so gut wie ausverkauft. Zwar ist auch hochwasserbedingt der Nachschub gestört, aber vor allem aber sind die Regale leergefegt durch Hamsterkäufe nach Gerüchten, die Trinkwasserversorgung Bangkoks sei durch verseuchtes Wasser aus den Überschwemmungsgebieten gefährdet. Aber auch Eier, Nudeln, Reis und Gemüse werden knapp. Vincent, ein Restaurant- und Hotelmanager in Bangkoks Innenstadt, unkt: "Ich muss wohl bald mein Restaurant zumachen. Auf dem Markt gibt es immer weniger zu kaufen und was es noch gibt, wird immer teurer. Die Preise für Gemüse sind in den letzten Tagen um das vierfache gestiegen."

Die Stadt zu Lasten der Landbevölkerung trocken halten

Bhichit Rattakul, ein ehemaliger Gouverneur von Bangkok und frisch ernannter Verbindungsmann zwischen FROC und BMA, sieht die Ursache der Panikstimmung in der katastrophalen Hochwasserkommunikation. "Es wird der Eindruck ermittelt, ganz Bangkok würde in meterhohen Fluten versinken. Das wird aber sicher nicht passieren", sagte Bhichit kühn auf einer Veranstaltung im Klub der Auslandskorrespondenten über die aktuelle Hochwassersituation. Ein Vertreter von FROC war trotz Einladung nicht erschienen.

Die Bewohner versuchen, über die überfluteten Ausfallstraßen noch aus der Stadt zu kommen. Foto: Michael Lenz

Während Bangkok auf die erste große Hochwasserwelle wartet, die am Freitagmorgen über die Stadt hereinbrechen soll, steht das Land rings um die thailändische Hauptstadt schon seit Wochen meterhoch unter Wasser. Eine Ursache sind die enormen Regenmengen des schwersten Monsuns seit langem. Die Herren über die großen Staudämme im Norden und Westen Thailands jedoch durch die zu späte Ablassung überschüssigen Wassers das Hochwasserproblem verschärft.

Was aber die Bevölkerung in den Provinzen um Bangkok an den Rand des Aufstands bringt, war die Strategie von Premierministerin Yinluck, Bangkok trocken zu halten. Zu Lasten der Landbevölkerung. Ganze Städte, Dörfer und Industriezentren in den Regionen um Bangkok wurden zum Schutz der Shoppingpaläste, Wolkenkratzer, Hotels und Wohnviertel der Besserverdienenden Bangkoks dem Wasser geopfert.

Mindestens 200.000 Menschen verloren ihre Lebensgrundlage

Aber es gibt sie auch, die Welle der Hilfsbereitschaft und der Solidarität. Flutopfer kommen bei Verwandten und Freunden unter; Schulklassen sammeln auf der Straße Spenden für die Betroffenen, Deutschland und andere Staaten helfen mit Geld und Material. Mit von der Partie sind auch Unternehmen wie die großen thailändischen Telefongesellschaften, die Notlagern kostenlose Telefon- und Internetzentren eingerichtet haben. "Immer wieder kommen Menschen einfach vorbei, bringen ein paar Decken, etwas zu essen oder bieten ihre tatkräftige Hilfe an", sagt Vizerektor Prinya Thaewanarumitkul, Vizerektor der Thammsat Universität, die auf ihrem Campus in Rangsit ein Flüchtlingslager eingerichtete hatte.

Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Hochwassers sind verheerend. In Ayutthaya und Pathum Thani stehen 1.300 große Fabriken – Automobilhersteller, Computerproduzenten, Maschinenbauer – bis zu zwei Metern unter Wasser. Mit versunken sind die Jobs von gut einer halben Million Menschen. Schätzungsweise 200.000 kleine Gewerbetreibende und Bauern haben darüber hinaus ihre Lebensgrundlage verloren.

Auch die Evakuierungslager bieten keinen Schutz

Millionen Menschen harren derweil in ihren überfluteten Häusern, Städten und Dörfern aus. In den 1.700 Evakuierungslagern der Behörden, die auf 800 000 Menschen eingerichtet sind, haben mehr als 100.000 Thais Zuflucht gefunden. Aber selbst in den Lagern gibt es keine Sicherheit vor dem Wasser. Die 4.000 Hochwasserflüchtlinge im Evakuierungszentrum der Thammasat Universität t mussten ein zweites Mal die Flucht ergreifen, als der Campus in dieser Woche überflutet wurde.

Wann sich Thailand an Wiederaufbau der Flutgebiete machen kann, ist noch ungewiss. Das Hochwasser wird noch Wochen das Leben des Landes bestimmen. Chaiyuth Sukhsi, Professor für Wasserwirtschaft an Bangkoks Chulalongkorn-Universität, prophezeit: "Es wird wohl Neujahr, bis alles Wasser abgelaufen sein wird."


Michael Lenz ist freier Autor in Südostasien und berichtet unter anderem für evangelisch.de aus der Region.