TV-Tipp des Tages: "Meeresfrüchte" (3sat)

TV-Tipp des Tages: "Meeresfrüchte" (3sat)
So manchem Meeresfrüchtchen wird eine unwiderstehliche aphrodisische Wirkung nachgesagt. Kein Wunder, dass das Pariser Ehepaar Béatrix und Marc beim Urlaub an der Cote d’Azur alsbald nicht mehr Herr seiner Sinne ist.

"Meeresfrüchte", 20. Oktober, 22.25 auf 3sat

Dank der im Überfluss genossenen Austern und Muscheln beginnt ein fröhlicher Reigen, der zu einem überraschenden Ende führt. Bloß die Jugendlichen bleiben verschont: Sie ekeln sich vor dem Glibberzeug und verfolgen mit zunehmender Verblüffung, wie die Erwachsenen schließlich alle Zurückhaltung fahren lassen.

Von Ferne erinnert "Meeresfrüchte" an Francois Truffauts Leidenschaftsdrama "Die Frau nebenan" (1981). Dort nimmt ein Paar, das zufällig zu Nachbarn wird, seine vor Jahren unterbrochene, alles verzehrende Beziehung wieder auf. Bei Olivier Ducastel und Jacques Martineau, die sich in Frankreich längst einen Namen als Experten für anspruchsvolle Komödien gemacht haben ("Mein wahres Leben in der Provinz"), wird daraus die Geschichte vom Mann nebenan.

Nach und fallen alle Figuren ihren Hormonen zum Opfer

Dabei beginnt alles ganz anders. Weil Sohn Charly (Romain Torres) Besuch von seinem homosexuellen Freund Martin (Édouard Collin) bekommt, sind seine Eltern überzeugt, er sei schwul. Charly und Martin lassen sie in dem Glauben, was vor allem Vater Marc (Gilbert Mekli) irritiert, denn der junge Martin übt auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Schuld daran ist Didier, Marcs einstige große Liebe. Prompt flammt die frühere Leidenschaft wieder auf, denn Didier (Jean-Marc Barr) entpuppt sich als Klempner des Dorfes. Béatrix (Valeria Bruni-Tedeschi) ist derweil auch kein Kind von Traurigkeit: Ihr Liebhaber Mathieu (Jacques Bonnaffé) ist ihr sogar aus Paris nachgereist.

In den Händen weniger versierter Spezialisten hätte aus der heiteren Sommerkomödie leicht eine grobe Boulevard-Klamotte werden können. Nicht so bei Ducastel und Martineau, die sich sogar eine hinreißende Musical-Einlage erlauben können. Obwohl sie die Geschichte immer wieder schon allein durch den Einsatz der Musik ironisch brechen, wird keine der Figuren der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn sie auch allesamt nach und nach ihren Hormonen zum Opfer fallen; die einen werden erwachsen, die anderen sollten es eigentlich sein. Aus der Riege der vortrefflichen Darsteller muss eine allerdings hervorgehoben werden: Valeria Bruni-Tedeschi verdankt der Film einen Großteil seiner erotisch aufgeladenen Atmosphäre, die dennoch nie anzüglich wirkt. Die gebürtige Italienerin entschuldigt Béatrix’ von Toleranz kaschierte Egozentrik als Form von Epikureismus, der allein das Glück des einzelnen als Ideal akzeptiert.

Am Ende aber sind alle glücklich. Zum großen Finale wird erneut das Lied von den Schalentieren und Meeresfrüchten vorgetragen; Ducastel und Martineau gelingt dabei das seltene Kunststück, vier Personen drei Paare bilden zu lassen.


Der Autor unserer TV-Tipps, Tilmann P. Gangloff, setzt sich seit über 20 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei Kindern und lebt am Bodensee. Er gehört seit Beginn der 1990er Jahre regelmäßig der Jury für den Adolf-Grimme-Preis an und ist ständiges Mitglied der Jury Kinderprogramme beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

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