U 45: Wie arbeiten die jungen Chefredakteure?

U 45: Wie arbeiten die jungen Chefredakteure?
Chefredakteure von Tageszeitungen müssen heute sehr viel können: schreiben, kommentieren, managen, netzwerken, konzipieren, organisieren und vorausdenken. Den einsamen Leitwolf und großen Leitartikel-Schreiber gibt es kaum noch. Mit der Änderung des Rollenverständnisses vollzieht sich in vielen Redaktionen auch ein Genrationswechsel. Wie denken und arbeiten die U45-Chefredakteure von heute?

Die Zukunft der Tageszeitung liegt im Lokalen. So lautet neuerdings das Mantra der Branche. Von Kiel bis Kempten, von Dresden bis Duisburg wird es beschworen. Doch damit diese Formel tatsächlich das Überleben der lokalen und regionalen Tageszeitungen sichern kann, muss sie mit Leben gefüllt werden. Vom sich wandelnden Berufsbild der Journalisten ist die Rede. Das gilt jedoch nicht nur für das Rollenverständnis der Redakteure. Auch in den Chefredaktionen wankt das Bild des über allem schwebenden Patriarchen. Der Generationenwechsel vollzieht sich derzeit in vielen Medienhäusern. Doch was motiviert sie, was treibt sie an, die jungen Chefredakteure, die U-45er?

Chefredakteur Christoph Linne. Foto: Thorsten Richter 

"Die Erwartungshaltung an Chefredakteure ist heute eine ganz andere als früher. So höre ich es aus den Erzählungen von erfahrenen Kollegen. Das liegt an den veränderten Bedingungen", sagt Christoph Linne, Chefredakteur der Oberhessischen Presse (OP) in Marburg. Heute seien Inhalte und Auflage der Zeitung wichtiger denn je. "In Zeiten sinkender Anzeigenerlöse und Auflagen leisten sie angesichts steigender Abokosten einen noch relevanteren Beitrag zur Finanzierung des Unternehmens", so der 39-Jährige. Das betriebswirtschaftliche Denken nehme einen höheren Stellenwert ein.

"Heute nehmen organisatorische und konzeptionelle Aufgaben viel mehr Raum ein", weiß Ulrike Trampus. "Es geht zunehmend darum, darüber nachzudenken und zu entscheiden, wie und mit welchen Themen wir unsere Zeitung auch in den kommenden Jahren erfolgreich verkaufen können", sagt die 41-Jährige. Sie ist Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung und damit eine von ganz wenigen Chefredakteurinnen bei deutschen Lokalzeitungen.

Volle Konzentration auf den Inhalt

Die Zeitung sieht sich neben dem wirtschaftlichen Druck auch steigender Konkurrenz durch elektronische Medien gegenüber. "Wir müssen den Leser jeden Tag neu überraschen. Wir müssen ihn überzeugen, dass er bereit ist, jeden Monat sein Abo zu bezahlen", sagt Linne. Der Chefredakteur sieht die Zukunft im Lokalen. Die Zeitung werde nicht überleben, wenn sie den Leser mit den wiederholten Nachrichten der Tagesschau langweile. "Unsere volle Konzentration gehört dem Inhalt. Hochwertige und exklusive Inhalte sind die Voraussetzung, um als Medium zu überleben."

Verlagsberater und Personalentwickler Steffen Büffel. Foto: privat 

Die veränderte Situation am Markt prägt auch die Rolle der Chefs nachhaltig. "Sie müssen heute von allem etwas sein: Journalist, kreativer Schreiber und Kommentator, Produktentwickler, Netzwerker und Veränderungs-Manager. Chefredakteure sollten auch ein technisches Verständnis mitbringen, Motor im Medienwandel und im Veränderungsprozess sein", sagt Steffen Büffel, Verlagsberater und Personalentwickler. Außerdem sollten sie präsent sein – intern und extern. "Diese multifunktionale Profil ist wohl der größte Unterschied zu früher", so Linne.

Geändert haben sich auch die Qualifikationen, die erwartet werden. Es sind die primären und sekundären Skills, wie sie auch in anderen Branchen gefragt sind. Der einsame Leitwolf, gewandte Frühstücksdirektor und große Leitartikler vergangener Tage ist passé. Der Chefredakteur ist heute ein Bindeglied zwischen den Abteilungen und Prozessen. Und Teamworker. Es gilt, der Redaktion die Angst vor der Zukunft zu nehmen. "Wir müssen nur Angst haben, wenn wir uns den neuen Herausforderungen nicht stellen. Wie wir uns in der Zukunft positionieren und behaupten, das haben wir selbst in der Hand", so der Chefredakteur der Oberhessischen Presse.

Um die Ecke denken und überraschen

Um als Medium überleben zu können, sind die Anforderungen an die jungen Chefs enorm: "Immer und überall abwägen zu müssen, welche Entscheidung sich kurz-, mittel- und langfristig auswirken wird, ist ein schwierige Aufgabe", sagt Trampus.

Chefredakteurin Ulrike Trampus. Foto: Wolf-Dietrich Ulmer

Der Beruf wird sich in den kommenden Jahren weiter verändern. "Es wird die Fähigkeit gefragt sein, auf Menschen zuzugehen, ihnen besser zuzuhören, um die Ecke zu denken, um dann Themen neu und überraschend aufbereiten zu können", so die 41-Jährige.

"Es ist eine große Herausforderung, heute Chefredakteur zu sein. Die Aufgaben sind vielfältiger geworden, die Verantwortung, besonders auch wirtschaftlich, enorm gestiegen", sagt Berthold L. Flöper. Der Leiter des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung arbeitet seit zwei Jahrzehnten mit Chefredakteuren zusammen und bietet ihnen jährlich die renommierte Plattform "Forum Lokaljournalismus".

Der Leiter des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung Berthold L. Flöper. Foto: privat

Dort wurde in den vergangenen Jahren immer wieder über den Medien-Wandel debattiert. "Doch jetzt geht ein richtiger Ruck durch die Chefredakteurs-Szene. Wir beobachten, dass viel mehr experimentiert wird, es wird viel mutiger und selbstbewusster agiert", weiß Flöper.

"Für die jungen Chefredakteure ist Technik kein Feind, sondern wird da integriert, wo es sinnvoll ist, ganz selbstverständlich. So geht der Trend zurück zum Kerngeschäft, zum eigentlichen Job der Journalisten. Nämlich Information und Orientierung für die Menschen in der demokratischen Gesellschaft zu bieten", so Flöper. Er wünscht sich allerdings, dass Lokalzeitungen sich auf allen Kanälen politisch noch mehr einmischen würden. Das habe gerade Stuttgart 21 gezeigt.


Anke Vehmeier ist freie Journalistin in Bonn.