Versöhnliche Gesten und enttäuschte Hoffnungen

Versöhnliche Gesten und enttäuschte Hoffnungen
Kühne Hoffnungen begleiteten den viertägigen Deutschlandbesuch des Papstes, der am Sonntag zu Ende geht. Schon deshalb war es keine "Erholungsreise", wie die "Neue Zürcher Zeitung" schon im Voraus vermutet hatte. In der Krise, in der die katholische Kirche durch die Aufdeckung zahlreicher Missbrauchsfälle steckt, erwarteten Bischöfe und Gläubige eine Stärkung vom Papst. Und die reformwilligen Katholiken erhofften sich einen orientierenden Hinweis, wie mit den strittigen Fragen - Zölibat, Frauendiakonat, aber auch Beteiligung von Laien - umzugehen sei.

Aber derart praktische Fragen sind nicht die Sache des gelehrten Theologen an der Spitze der katholischen Weltkirche, wie sein Sprecher wissen ließ. In der Begegnung mit den katholischen Laien beklagte Benedikt - gemünzt auf die deutsche Kirchenprovinz - einen Überhang an Strukturen, hinter dem die geistige Kraft zurückbleibe. In einer von Individualisierung und Relativismus bestimmten Gesellschaft, so lautet sein bekanntes Rezept gegen die Glaubenskrise, braucht es keine neuen Strukturen und keine Anpassung an die Moderne, sondern neue Formen der Evangelisierung und Mission, damit die christliche Botschaft wieder attraktiv wird.

Die Erwartungen, die manche Protestanten mit dem Besuch im Stammland der Reformation assoziierten, hatte Papst Benedikt XVI. schon vor seiner Reise gedämpft. "Wir erwarten keine Sensationen", ließ er seine Landsleute im "Wort zum Sonntag" wissen. Dass es in dem Punkt des evangelisch-katholischen Miteinanders einen Erwartungsüberschuss gab, mag damit zusammenhängen, dass sich Benedikt für das Treffen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eigens mehr Zeit bei den Reiseplanern ausbedungen hatte.

Dankbar für die bereits erreichte Einheit sein

Im Erfurter Augustinerkloster, in dem der spätere Reformator Martin Luther (1483-1546) als katholischer Mönch 1505 bis 1511 lebte, mahnte das 84-jährige Oberhaupt der katholischen Kirche die Glaubensgeschwister, nicht nur über Trennungen und Spaltungen zu lamentieren, sondern für die bereits erreichte Einheit dankbar zu sein. Er warb für eine ökumenische Ethik in Fragen des Lebensschutzes und eine wachsame Allianz der etablierten Kirchen im Umgang mit den sich vor allem in katholischen Territorien ausbreitenden charismatischen Bewegungen.

Papst Benedikt XVI. (links) und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider vor dem Erfurter Augustinerkloster. Foto: epd-bild / Maik Schuck

Auf die Beschwernisse von gläubigen Katholiken und Protestanten in konfessionsverschiedenen Ehen, oder den Wunsch nach gemeinsamem Abendmahl, die von Repräsentanten der evangelischen Kirche und Politikern gleichermaßen mit deutlichen Worten angesprochen wurden, ging der Papst nicht ein. Ebenso blieb eine im Blick auf das Reformationsjubiläum erhoffte grundlegende Neubewertung des Reformators Luther aus.

Neue Perspektiven für das ökumenische Gespräch zeigte der Papst nicht auf, sondern beließ es bei der versöhnlichen Geste an dem symbolträchtigen Ort. Welche Schlussfolgerungen die Protestanten daraus ziehen, ließ der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider erkennen: Er kündigte an, dass man mit den katholischen Bischöfen die drängenden Fragen erörtern wolle.

Proteste hielten sich in Grenzen

Proteste gegen den Papst hielten sich - verglichen mit seinen Besuchen in Spanien und Großbritannien - in Grenzen. Zusätzliche Aufmerksamkeit trug dem Papstauftritt im Bundestag die Tatsache ein, dass ein Teil der Abgeordneten der ersten Rede eines katholischen Kirchenoberhauptes im deutschen Parlament fernblieb. Ihnen entging ein bemerkenswerter Vortrag über das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit, Glaube und Vernunft, und die Aufgabe der Politik. Die größte Überraschung war gewiss das päpstliche Lob für die ökologische Bewegung der 70er Jahre, aus der die Grünen hervorgingen.

Nach Benedikts bisherigen Reisen in seine Heimatland, die ihn 2005 zum Kölner Weltjugendtag und ein Jahr später nach Bayern geführt hatten, waren nunmehr Berlin und mit Erfurt und dem katholischen Eichsfeld die neuen Bundesländer neben Freiburg Stationen. Wie bei Papstreisen in der Vergangenheit traf sich Benedikt in Erfurt unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Missbrauchsopfern - auch dies eine versöhnliche Geste.

epd