Scharfe Kritik an Papst-Boykotteuren im Bundestag

Deutschland spricht 2019
Scharfe Kritik an Papst-Boykotteuren im Bundestag
Unmittelbar vor der geplanten Rede von Papst Benedikt XVI. im Bundestag verschärft sich unter den Abgeordneten der Streit um den Auftritt des katholischen Kirchenoberhaupts im Parlament. Bischöfin Junkermann wünscht sich ein Entgegenkommen in der Ökumene.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles kritisierten den von einigen Abgeordneten angekündigten Boykott der für Donnerstagnachmittag geplanten Rede. Unterdessen wurden angesichts des für Freitag in Erfurt vorgesehenen Ökumenetreffens weitere Erwartungen auf eine Annäherung zwischen katholischer und evangelischer Kirche formuliert.

Innenminister Friedrich sagte dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel" (Mittwochsausgabe), dass einzelne Parlamentarier der Linkspartei, der SPD und der Grünen der Bundestagsrede von Benedikt XVI. fernbleiben wollen, zeige "eine Mischung aus Hochmut und Kleingeist, aus Provinzialität und Überheblichkeit". Schavan sagte den Zeitungen der Essener WAZ-Gruppe (Mittwochsausgaben), sie habe für einen Boykott der Rede kein Verständnis. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles bezeichnete es als unhöflich, die Rede im Bundestag nicht anzuhören und mahnte Respekt gegenüber dem Papst an.

Junkermann: Eucharistie für konfessionsverbindender Ehepaare zulassen

Linken-Chefin Gesine Lötzsch hingegen verteidigte das Fernbleiben von Parlamentarierern: "Ich habe Verständnis für diejenigen, die sich die Rede nicht anhören wollen, weil sie zum Beispiel die Sexualmoral, das Frauenbild oder das Kondomverbot des Papstes ablehnen." Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) riet am Mittwochmorgen im Deutschlandfunk zu Gelassenheit: Kein Abgeordneter werde gezwungen, der Rede zuzuhören. Und wer sich die Rede anhöre, müsse den Ansichten des Papstes nicht zustimmen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hatte Benedikt mit Zustimmung aller Fraktionen zur Rede im Parlament eingeladen. Der Papst wird als Staatsoberhaupt des Vatikans am Nachmittag seines ersten Besuchstages in Deutschland zu den Abgeordneten sprechen. Die Linksfraktion hat angekündigt, dass die Hälfte ihrer 76 Abgeordneten der Rede fernbleiben wird. Auch bei SPD und Grünen wollen einige Parlamentarier die Rede Benedikts boykottieren.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, erhofft sich vom Deutschlandbesuch des Papstes "eine klare Ermutigung", Ehepaare in konfessionsverbindender Ehe zur katholischen Eucharistie zuzulassen. Sie sagte der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung" (Mittwochsausgabe), sie wünsche sich, dass "zum äußerlichen Entgegenkommen des Papstes auch das theologische kommt, die reformatorischen Kirchen als Kirche anzusehen und sie nicht nur als kirchliche Gemeinschaften zu bezeichnen".

Luther-Überraschung oder Ökumene-Flaute?

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, stellte am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur heraus, dass in den vergangenen 50 Jahren in der Ökumene viel erreicht worden sei. Auch sei ihm aufgefallen, dass der Papst am Wochenende im "Wort zum Sonntag" in der ARD "ganz unbekümmert" von der evangelischen Kirche gesprochen habe.

Der Publizist Peter Seewald, der im vergangenen Jahr ein vielbeachtes Interview-Buch mit dem Papst veröffentlicht hatte, erwartet "die eine oder andere Überraschung" in der Interpretation Martin Luthers durch Benedikt XVI. Der aus Deutschland stammende Papst sei auf dem Weg zur Ökumene alles andere als ein Hindernis, "er hat diesen Prozess schon als Kardinal angetrieben und begleitet", sagte Seewald der "Passauer Neuen Presse" (Mittwochsausgabe). Im Rahmen seines viertägigen Besuchs kommt Papst Benedikt XVI. am Freitag im Erfurter Augustinerkloster mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zusammen.

Auch der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer forderte ein ökumenisches Zeichen von Papst Benedikt XVI. "Wir haben eine gemeinsame Basis und was uns verbindet, ist mehr als das, was uns trennt", sagte er am Dienstagabend in der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger". Das Abendmahl solle für alle Christen offen sein und nicht mehr als Lehrfrage diskutiert werden.

epd