Gebet für Gerechtigkeit in der "Zuvielisation"

Gebet für Gerechtigkeit in der "Zuvielisation"
Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) veranstaltete in Berlin den zentralen Gottesdienst zum Tag der Schöpfung. Im Mittelpunkt standen Umweltthemen und die Hungerbekämpfung.

In einen großen Silberkrug gossen sie das Wasser: Christen aus Finnland, Südamerika und Papua-Neuguinea hatten in Tonbehältern und gläsernen Flaschen die Flüssigkeit aus ihrer Heimat mitgebracht, und ließen sie in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche zusammenfließen.

Das kühle Nass stand im Mittelpunkt des bundesweiten Gottesdienstes zum "Tag der Schöpfung", den die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) in Berlin veranstaltete – ein Jahr nachdem dieser neue kirchliche Feiertag auf Anregung der Orthodoxen auf dem Ökumenischen Kirchentag in München offiziell proklamiert worden war.

Auch in Berlin waren alle kirchlichen Traditionen an dem Gottesdienst beteiligt: Ein aus genau zwei Sängern, dem griechisch-orthodoxen Erzpriester Constantin Miron und seinem Berliner Amtsbruder Emanuel Sfiatkos, bestehender "byzantinischer Chor" fand sich ebenso in der Heilig-Kreuz-Kirche ein wie der eine Fürbitte sprechende Bischof der SELK, Hans-Jörg Voigt, und der das Evangelium lesende katholische Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann. Alle Konfessionen sollten am Ende des Gottesdienstes ein Geschenk erhalten – ein Fläschchen mit Wasser, um damit den Apfelbaum zu gießen, den sie nach der Proklamation des Schöpfungstags in München als Geschenk erhalten hatten.

Hilfe für Afrikaner

Zunächst aber war es Zeit für den mennonitischen Pfarrer und Theologieprofessor Fernando Enns, der Gemeinde das Evangelium auszulegen. Enns sprach über die weltweite Finanzkrise und die Hungernden am Horn von Afrika. Dort würden pro Tag 2.000 Menschen sterben, während hierzulande in einer einzigen Nacht 200 Milliarden Euro verbrannten. "Für die Hungernden unterbricht kein Regierungschef seinen Urlaub", sagte Fernando Enns. "Diese Menschenleben sind nicht systemrelevant." Ganz im Gegensatz zu den Banken.

Der Hunger in Somalia sei eine von Menschen gemachte Katastrophe, mit der sich Christen nicht zufrieden geben könnten. "Wer von der neuen Welt Gottes eine Ahnung hat, wer an sie glaubt, der kann getrost in die Zukunft schauen", so Enns. "Wir glauben: Gott hat längst Wohnung bezogen in seiner unvollendeten Schöpfung." In einem Flüchtlingslager an der Grenze von Kenia und Somalia habe er sein Zelt aufgeschlagen. "Da sitzt er nun, und wartet auf seine Menschen, zusammen mit den 700.000 anderen, denen es am Wasser mangelt." Christen könnten deswegen nicht anders, als diesen Mangel an Wasser zu erkennen, und die Menschen am Horn von Afrika zu unterstützen.

Den biblischen Auftrag übererfüllt

Auch Klaus Töpfer wurde deutlich. Die Menschheit habe ihre Aufgabe, "Füllt die Erde!", zu sehr erfüllt, sagte der ehemalige CDU-Umweltminister und Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen in einem Festvortrag nach dem Gottesdienst. Heute müsse man sich fragen, wie weit Menschen auch für Naturkatastrophen verantwortlich seien. Etwa durch Eingriffe in die Flussläufe an Mosel und Rhein oder das Bauen eines Atomkraftwerks in Tsunami-gefährdeten Gebieten.

Es sei wichtig, dass es mittlerweile ein Menschenrecht auf Wasser gebe, sagte Töpfer. "Aber wer regt sich darüber auf, dass Boden und Wasser zu einem weltweiten Spekulationsobjekt geworden sind?" Manche afrikanischen Staaten würden Landflächen von der Größe Belgiens an internationale Konzerne verkaufen, inklusive des darunter gelegenen Wassers. Und in Deutschland habe sich die Zivilisation zu einer "Zuvielisation" entwickelt, beklagte Töpfer.

"Nach mehreren Jahren in Afrika hatte ich den Eindruck, dass irgendwer heimlich unser Grundgesetz verändert hat, und eine Pflicht zum Mehr festgeschrieben hat." Die Welt jedenfalls leide nicht an einem Wassermangel, sagte Töpfer. "Die Welt leidet an einer Verteilungskrise." Und erst wenn die Frage der gerechten Verteilung gelöst sei, würden auch die weltweiten Spannungen um das Wasser der Vergangenheit angehören.


Benjamin Lassiwe ist freier Journalist in Berlin.