Verlage gegen Redakteure: Wie wertvoll Worte sind

Verlage gegen Redakteure: Wie wertvoll Worte sind
Über die Bezahlung von Journalisten wird seit Monaten erbittert gestritten. Anfang vergangener der Woche streikten Redakteure in Baden-Württemberg, jetzt die nordrhein-westfälischen. Nach Plan der Gewerkschaften sollen Bayern und Hessen folgen – und wenn es sein muss, die Redakteure aller anderen Länder. Denn: Die Vorstellungen gehen so weit auseinander wie selten in Tarifstreits.

Karin Seibold liebt ihren Beruf. Die 30-Jährige ist Redakteurin bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung – und seit einigen Wochen Kämpferin für den Wert von Worten. "Was Merkel sagt, hören Sie, was sie denkt, lesen Sie" flackerte in der vergangenen Woche in grellem Licht auf einer Kirche in der Augsburger Innenstadt. Oder: "Wer bezahlt für die Wahrheit?" Worte sind wertvoll" heißt das Projekt der 20 Augsburger Tageszeitungsredakteure.

Und das ist auch die Kernbotschaft. "Liebe Verleger, ihr verkauft keine Käsebrote, sondern Journalismus. Damit der die vierte Gewalt im Staat bleiben kann, dürft ihr uns nicht kaputt sparen", erklärt Seibold ihren Appell. "Verleger sehen sich zunehmend nur als Manager, dabei haben Worte einen besonderen Wert in der Gesellschaft." Diese Botschaft flackerte am 28. Juli abends auch in der Stuttgarter Innenstadt über das Gebäude des Landesmuseums am Karlsplatz. Die Lichtinstallation der Augsburger hat vielen Journalisten gefallen. Denn: Der Wert ihrer Arbeit steht zurzeit zur Diskussion.

Verhärtete Fronten

Schon seit September 2010 verhandeln die beiden Journalistengewerkschaften Deutscher Journalisten Verband (DJV) und die Deutsche Journalistenunion (DJU) der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) über einen neuen Gehalts- und Manteltarifvertrag. Von einer Einigung sind sie weit entfernt, denn die Vorstellungen klaffen außergewöhnlich weit auseinander. Verdi und der DJV wollen vier Prozent mehr Gehalt. Die Verleger versuchen, eine Lohnsenkung durchzusetzen. "Eine solche Position ist schon besonders", sagt Cornelia Haß, Sprecherin des Ver.di-Bundesvorstands: "Normalerweise trifft man sich in der Mitte."

Statt 13,75 Monatsgehältern sollen Tageszeitungsredakteure 13 bekommen. Die Arbeitszeit soll von 36,5 auf 40 Stunden erhöht werden – ohne finanziellen Ausgleich. Der Vertrag soll drei Jahre gelten, in den ersten beiden gibt es eine Einmalzahlung, im letzten eine "maßvolle“ Erhöhung". Schon das ist weit entfernt von der Position der Journalistenverbände.

Am umstrittensten ist jedoch ist ein anderer Teil des Verleger-Pakets – das so genannte "Tarifwerk II": Der Nachwuchs soll demnach grundsätzlich schlechter bezahlt werden als die jetzigen Redakteure. Statt 2.987 Euro brutto im ersten Berufsjahr soll es 2.650 Euro geben und im siebten Jahr nur noch 3.100 Euro – 900 weniger als bisher. Auch die Volontäre sollen weniger bekommen und mehr arbeiten. Urlaubgeld soll für Neueingestellte wegfallen, der Verlegeranteil bei der Altersvorsorge sinken. "Neue Redakteure sollen insgesamt 30 Prozent weniger bekommen", sagt Haß. "Dabei arbeiten viele Journalisten schon jetzt am Limit: Sie müssen durch den Trend zur Multimedialität mehr und anders arbeiten und es wurde insgesamt schon hart am Personal gespart."

Journalismus wird für "kluge Köpfe" unattraktiv

Die Qualität wird langfristig noch stärker leiden. Das fürchtet auch die Augsburgerin Karin Seibold. "Jungredakteure werden so zu besseren Sachbearbeitern – das wird sich zwangsläufig auf die Qualität ihrer "Arbeit niederschlagen." Gewerkschafterin Haß sieht auch ein Personalproblem: "Beim Kampf um neue kluge Köpfe verliert der Journalismus. Und durch den demographischen Wandel werden alle Branchen vom Fachkräftemangel betroffen sein."

Die Zeichen stehen deshalb auf Streik – auch das sehr deutlich: Am 18. Juli entschieden sich die Baden-Württemberger Journalisten für Streik, am vergangenen Freitag die nordrhein-westfälischen mit einem Urabstimmungsergebnis von 98,9 Prozent. In der ersten Augustwoche stimmen die Bayern über Streiks ab, dann folgt Hessen. Einen neuen Verhandlungstermin zwischen den Tarifpartnern gibt es noch nicht. "Tarifwerk II ist für uns nicht verhandelbar", sagt Cornelia Haß von Ver.di. "Wir haben jetzt auch keine Eile mit neuen Verhandlungen." Schließlich werde durch die Streiks Druck aufgebaut.

Zeitungsverlage: Lohnerhöhung ist unrealistisch

Diesen Druck will Burkhard Schaffeld, Justiziar des Zeitungsverlegerverbands und mit am Tariftisch, nicht kommentieren: "Wir werden versuchen, sobald wie möglich wieder zu verhandeln. Wahrscheinlich noch im Juli." Eine Lohnerhöhung für die 14.000 deutschen Tageszeitungsredakteure findet er angesichts der finanziellen Lage der Verlage unrealistisch. Von einem Aufschwung spüre man nichts, auch wenn dieses Jahr eine minimale Verbesserung zu sehen sei.

"In den letzen zehn Jahren sind die Anzeigenumsätze der Zeitungen um 43 Prozent gesunken, ein Plus von 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet da nichts", sagt Schaffeld. "Das Tarifwerk muss den Umständen angepasst werden, gerade um dem Journalismus eine Zukunft zu geben." Sonst, so die Verlegermeinung, würden sowieso immer mehr Verlage aus dem Flächentarifvertrag aussteigen und die Gehälter individuell verhandeln. Im Fachblatt Medium-Magazin konterte das DJV-Hauptgeschäftsführer Kajo Döhring so: "Bis zur Jahrtausendwende wurde das Geld mit dem Lastwagen vom Hof gefahren. Jetzt reicht es nur noch für die Schubkarre."

Um kritisch zu berichten, richtige und wahre Worte zu finden, muss mehr in den Journalismus investiert werden, findet Karin Seibold. "Verlieren wir Qualitätsjournalismus, hat das auch Folgen für die Demokratie in Deutschland." Die Augsburger Kampagne ist deshalb unabhängig von den Tarifverhandlungen und den Streiks. "Wir werden auch danach weitermachen", sagt die Redakteurin. "Denn Verleger, Journalisten und die Bevölkerung sollen weiterhin dafür sensibilisiert werden, dass Worte mächtig und wertvoll sind."


Miriam Bunjes ist freie Medienjournalistin.