Der Sonntagmorgen: Lieber ausschlafen als Gottesdienst

Der Sonntagmorgen: Lieber ausschlafen als Gottesdienst
"So können wir den Sonntag ruhig angehen": Viele Menschen wünschen sich für den Kirchgang andere Zeiten als den Sonntagmorgen, die besser ihrem Lebensrhythmus angepasst sind.
28.04.2011
Von Stephanie von Selchow

Die 41-jährige Aurélie Calluaud aus Frankfurt am Main hat vier Kinder. Zehn Uhr am Sonntagmorgen finden sie und ihre Kinder zu früh, aber um elf geht die Familie oft in den Gottesdienst. "So können wir den Sonntag ruhig angehen", sagt die Mutter. "Und nach dem Gottesdienst noch zum sogenannten 'Frunsch' in unserer Gemeinde gehen. Das ist eine Mischung aus Frühstück und Brunch und ich brauche dann kein Mittagessen zu kochen."

Veränderte Lebensgewohnheiten

Für die 29-jährige Arbeitsvermittlerin Miriam Mehler ist auch elf Uhr noch zu früh. Sie steht in der Woche jeden Tag um sechs Uhr auf und möchte am Wochenende einfach nicht denselben Stress wie in der Woche erleben. Deshalb ist sie froh, dass zumindest einmal im Monat in ihrer Gemeinde im Frankfurter Ostend ein Abendgottesdienst um 18 Uhr angeboten wird: "Dann kann man den Tag in der Kirche ausklingen und die ganze Woche Revue passieren lassen".

"Die Lebensgewohnheiten haben sich geändert", sagt Stephan Goldschmidt, Referent für Gottesdienstfragen bei der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die traditionelle Gottesdienstzeit stammt noch aus einer landwirtschaftlich geprägten Welt. Weil die Bauern auch sonntags ihr Vieh füttern mussten, wurde der Gottesdienst auf halb zehn oder zehn am Vormittag gelegt.

"Heute ist der Sonntag für viele Menschen der einzige Tag, an dem sie ausschlafen können und keine Termine haben. Deshalb werden die Abendgottesdienste immer beliebter", sagt Goldschmidt. "Tendenziell gilt: Je früher der Gottesdienst, desto älter die Besucher, je später der Gottesdienst, desto jünger das Publikum".

"Mit den Gottesdienstzeiten hapert es noch"

Besonders in großen Städten bieten immer mehr Gemeinden alternative Zeiten für den Gottesdienst an. In Berlin finden in den großen Innenstadtkirchen, etwa der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der Marienkirche oder dem Berliner Dom neben den Sonntagmorgengottesdiensten regelmäßig auch Abendgottesdienste um 18.00 Uhr oder 18.30 statt. Hinzu kommen Andachten zu verschiedenen Tageszeiten.

Auch in anderen Berliner Kirchen werden an unterschiedlichen Wochentagen abends Gottesdienste abgehalten, oft mit eigenen thematischen Schwerpunkten. Dazu gehören meditative Taizégottesdienste, Kunst- oder Musikandachten, Friedensgebete oder Zeitfragen-Gottesdienste.

"Der Druck auf die Gemeinden, sich etwas Besonderes auszudenken, ist in den letzten Jahren größer geworden", sagt Goldschmidt. Thematische Vielfalt gebe es mittlerweile in vielen Gemeinden. "Aber mit den Gottesdienstzeiten hapert es noch. Die meisten finden immer noch Sonntagmorgen statt."

Monatskonzept für alte und neue Zielgruppen

Das bestätigt auch Gabriele Scherle, Pröpstin für Rhein-Main: "Gerade in der Frankfurter Innenstadt wünsche ich mir eine größere Bandbreite an Gottesdienstzeiten". Sie weiß aber auch: "Gemeinden, die versucht haben, ihre Gottesdienstzeiten zu ändern, mussten teilweise schmerzhaft erfahren, dass weder neue Zielgruppen gewonnen werden konnten noch die alten die neue Zeit angenommen haben. Damit war der Gottesdienstbesuch dann ruiniert." Deshalb müsse jede Änderung der Zeiten sorgsam mit der Gemeinde vorbereitet werden.

Ein Dilemma, dem man mit einem Monatskonzept begegnen könnte, meint Goldschmidt, der auch Vorsitzender der Stiftung zur Förderung des Gottesdienstes ist. So könnten sich vier Gemeinden in einer Stadt darauf einigen, je an einem der vier Sonntage im Monat einen Abendgottesdienst anzubieten. "Dann würde keine ihre Sonntagmorgen-Besucher verlieren und außerdem die jüngere Abend-Klientel dazugewinnen".

Und manchmal ist es gar nicht der späte Kirchgang, der besser in das Leben passt: Für den 60-jährigen Rainer Häusler beginnt jeden Sonntag schon Schlag halb neun der Gottesdienst in der Maria-Magdalena-Gemeinde in Frankfurt-Sachsenhausen. Unter der Woche hat der Besitzer eines Autohauses viel um die Ohren, deshalb genießt er die Ruhe am frühen Morgen und die konzentrierte Atmosphäre mit wenigen Stammbesuchern. Nach der Kirche kauft er dann in aller Ruhe Brötchen, frühstückt mit seiner Familie - und genießt einen langen Sonntag.

epd