Prediger Matthias Clausen: Sein Beruf ist Begeisterung

Er predigt nicht nur wie in diesen Tagen bei "Jesus House", dem ProChrist-Jugendfestival in Stuttgart: Als Hochschulevangelist lädt Matthias Clausen von Berufs wegen junge Leute ein, an Gott und Jesus zu glauben. Hier verrät er, wie und warum er das tut.

"Warum hat Noah damals auch die beiden Mücken mit an Bord genommen?" Matthias Clausen ist bekennender Liebhaber von Fragen - ob nun skurril und witzig oder ernsthaft. Das ist wohl auch Voraussetzung für seinen Beruf: Der promovierte 38-jährige Theologe und Pastor arbeitet als Hochschulevangelist. Damit ist er der einzige seiner Art in Deutschland. Trotzdem ist es faktisch nur eine halbe Stelle: Angestellt ist er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald, und die wissenschaftliche Arbeit an der Uni und die evangelistische Tätigkeit bundesweit machen jeweils etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit aus. Außerdem predigt er bis einschließlich Samstagabend bei Jesus House und hat das kürzlich erschienene Buch "Ich denke, also bin ich hier falsch? Glauben für Auf- und Abgeklärte" geschrieben.

Herr Clausen, wissenschaftliche Mitarbeiter kennt man - aber was muss man sich unter Ihrer anderen Arbeit vorstellen?

Clausen: Als Hochschulevangelist reise ich jedes Semester mehrere Wochen in ganz Deutschland herum. Ich werde von christlichen Studierendengruppen eingeladen, die öffentliche Vorträge oder auch Vortragsreihen an den Hochschulen veranstalten. Damit soll zum Gespräch, zur Diskussion und letztlich zum christlichen Glauben eingeladen werden. Die Vorträge, die ich dabei halte, haben normalerweise apologetischen und/oder seelsorglichen Charakter.

Apologetisch ...?

Clausen: Das heißt, ich zeige welche Gründe für den Glauben sprechen. Und welche berechtigten Anfragen an den Glauben man wie beantworten kann. Weil gerade Studierende ja nun mal auch intellektuell an diese Fragen herangehen. Natürlich kann man den Glauben nicht beweisen, aber begründen kann man ihn schon - sonst wäre ich selbst als Jugendlicher damals wohl nicht zum Glauben gekommen. Gerade weil ich davon überzeugt bin, dass der Glaube wahr ist, möchte ich alles, was es an kritischen Anfragen gibt, ernst nehmen.

Und das geht in Vortragsform?

Clausen: Zu meinen Vorträgen gehört immer eine Rückfragerunde im Anschluss. Die kann manchmal genauso lange dauern wie der Vortrag selbst. Bei Jesus House ist das in dieser Form nicht möglich, aber zumindest besteht die Möglichkeit, per SMS Fragen zu schicken - die zwei oder drei brennendsten davon werden mir dann am nächsten Abend in einem kleinen Interview gestellt. Insgesamt mache ich dabei die Erfahrung, dass weniger einzelne Argumente für die Leute wichtig sind, sondern die Tatsache mitzuerleben, dass man als denkender Mensch intellektuell redlich und zugleich begeistert glauben kann.

Haben Sie als Jesus-House-Prediger Tipps für Gemeinden, wie man Jugendliche am besten anspricht?

Clausen: Ich weiß nicht, ob ich da Experte bin. Ich kann nur sagen, was ich mir vorgenommen habe. Auch wenn es vielleicht ein bisschen abgegriffen klingt: Ich möchte einfach so sein wie ich bin. So ehrlich wie möglich, so begeistert wie möglich vom Glauben erzählen. Ich glaube, dass Jugendliche es zu schätzen wissen, wenn man ehrlich ist, wenn man auch zugibt, wo man etwas nicht weiß oder wo man selber Fehler gemacht hat - und wenn man zugleich begeistert ist. Begeistert und angreifbar: Diese Verbindung erscheint mir zentral. Jugendliche mögen es nicht, wenn man sich mit seiner Überzeugung versteckt. Aber sie mögen auch nicht, wenn man behauptet, dass alles ganz easy sei, obwohl es in Wirklichkeit doch manchmal schwierig ist.

Nun stehen bei Jesus House ja Erlebnis und Spaß im Vordergrund. Glaube ist aber auch etwas Ernstes, es geht dabei um das ganze Leben und nicht nur um ein Event ...

Clausen: Wir sagen immer: Jesus House ist eine Verbindung von Event und Gespräch. Ein Event mit guter, lauter Musik, spannenden Interviewgästen und ein paar Showeinlagen - das ist jugendgemäß. Aber Gespräch gehört unbedingt dazu. Für den Glauben kann man nicht werben wie für ein Produkt. Man kann nur dazu einladen, sich damit auseinander zu setzen - und dazu gehört, sich auch über schwierige Dinge Gedanken zu machen, zum Beispiel über die Grenzen des Lebens. Das werde ich in meinen Predigten auch nicht aussparen. Man darf aber auch nicht trennen nach dem Motto: Glaube, Seriöses und Schwieriges auf die eine Seite, Event und Spaß auf die andere. Glaube ist auch spannend, Glaube ist lebensfroh! Er umfasst alles: die ernsten, sozusagen die religiösen Seiten des Lebens, aber auch die witzigen.

Letztere könnten in der Kirche manchmal zu kurz kommen.

Clausen: Im schlechtesten Fall. Es wäre falsch, zu pauschalisieren, aber fairerweise ... Ich will es so sagen: Also ich habe schon mal gehört, es soll Gottesdienste gegeben haben, wo Jugendliche gesagt haben könnten, das ist doch ein bisschen weit weg von meiner Welt. Diesem Eindruck von einem lebensfernen oder freudlosen Glauben wollen wir mit Jesus House etwas entgegen setzen. So feiern, dass es Freude macht. Sehen Sie: Hier sind hunderte Ehrenamtliche im Einsatz. Die musste man nicht lagen bitten oder mit Kompensationsgeschenken locken - die fiebern seit Monaten darauf hin, hier mitmachen zu dürfen.

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Trotz allem Grund zum Feiern - diese Tage sind von schweren und harten Nachrichten geprägt. Spielt das auch eine Rolle bei Jesus House?

Clausen: Es kommt in meinen Predigten vor. Es zu dem einen großen Thema zu machen, scheint mir nicht sinnvoll, weil Jugendliche eben auch viele andere Themen haben. Trotzdem beschäftigt so eine Atomkatastrophe sie natürlich. Deswegen sage ich etwa: Der Gott, an den ich glaube, der hält sich eben nicht fein raus und bleibt in sicherem Abstand, sondern er kommt rein in diese Welt. Auch dahin, wo es schmutzig ist und verstrahlt. So erzähle ich von Gott - ohne zu behaupten, dass ich eine schlaue Erklärung hätte für all das, was gerade passiert. Nein. Die Ereignisse zeigen ja gerade, dass wir Menschen an unsere Grenzen kommen. Wir haben die Welt eben nicht so im Griff wie wir's gerne hätten.

Für viele kommt aber auch gerade der Glaube an Grenzen, wenn das Leid zu groß wird.

Clausen: Natürlich ist das eine Frage. Auch ich hätte von Gott gern eine Antwort darauf, warum manche Menschen so viel Leid durchmachen müssen. Aber, bei allem Klugen was man dazu sagen kann: Eine endgültige, schlüssige Antwort findet man diesseits des Himmels nicht. Das ist auch immer die Pointe, wenn ich vor Studierenden ganze Vorträge zur Frage nach dem Leid halte. Aber: Ich kann trotzdem weiter engagiert glauben, auch wenn ich nicht auf alles eine Antwort habe. Die zwei aus meiner Sicht wichtigsten Ansätze dabei kommen auch hier bei Jesus House zur Sprache: Wie schon gesagt glauben wir an einen Gott, der in diese Welt kommt und selbst mitleidet. Das beantwortet nicht die Frage nach dem Warum, aber es verändert die Art und Weise, wie wir Gott danach fragen. Und wir glauben an einen Gott, der über die Grenzen des Lebens hinaus Hoffnung eröffnet.

Ist man als Evangelist eigentlich auch Anfeindungen ausgesetzt?

Clausen: Richtig schlechte Erfahrungen habe ich noch nicht gemacht. Kritische Rückfragen sind mir ja willkommen. Gut, ganz selten kommt es vor, dass jemand dabei mal aggressiv wird, aber das ist eher eine Charakterfrage, weniger eine Frage seiner Überzeugungen. Eher stört mich etwas anderes. Manche Insider, die in christlichen Gemeinden aktiv sind, klopfen meine Vorträge auf ihre Vorstellungen von Rechtgläubigkeit ab. Ich nenne sie die "Orthodoxie-Tester". Die meinen dann manchmal, dass ich doch dieses und jenes auch noch betonen müsste. Sie verstehen nicht, dass es zur Evangelisation gehört, auch mal einen ganzen Abend lang nur über ein Thema zu reden, damit auch Leute ohne christliche Sozialisation das verstehen und sich darauf einlassen können.

Und was kommt dann angeblich zu kurz? Etwa die drohenden Konsequenzen für alle, die sich nicht auf Gott einlassen?

Clausen: Ja. Ich schwärme von der Liebe Gottes. Dabei verschweige ich auch nicht, dass diese Liebe ein Angebot ist und keine Automatismus - aber das ist nicht das erste Thema meiner Verkündigung. Das erste Thema ist: Diese Liebe ist da! Man muss sie sich nicht verdienen, man kann sie sich nicht erarbeiten, sie ist ein Geschenk. Manchen Leuten reicht das nicht, sie erwarten partout noch eine Drohung. Aber das passt nicht zum Evangelium. Zum Evangelium passt nur, dass man ein Angebot macht und einlädt.

Ein Video mit Matthias Clausen finden Sie hier.


Ulrich Pontes ist freier Journalist "für Wissenschaft & mehr" - dieses "Mehr" hat wie hier meistens mit Glaubens- und Zeitgeistthemen zu tun.