Überprüfung und Zweifel: Atomreaktoren weltweit

Überprüfung und Zweifel: Atomreaktoren weltweit
Die Bundesregierung hat ein dreimonatiges Moratorium verhängt: Alte Atomkraftwerke müssen vorerst vom Netz, Sicherheitstests wurden angekündigt. Zwar wachsen auch in anderen Staaten Zweifel an der Sicherheit der kerntechnischen Anlagen. Ein sofortiges Abschalten ist jedoch mehr als unwahrscheinlich. Die Briten verurteilen das deutsche Vorgehen sogar als "Aktionismus". Ein Überblick über die Reaktionen auf Fukushima in verschiedenen Ländern.

Frankreich

Noch sind Atomkraftgegner eine winzige Minderheit in Frankreich. Doch die Ereignisse in Japan könnten das ändern. "Die Menschen hier haben Angst vor den Risiken der Atomkraft", meint Didier Anger von der Anti-Atomkraftbewegung "Sortir du nucléaire". In den Medien häufen sich in den vergangenen Tagen atomkritische Berichte. Das Unbehagen in Deutschlands westlichem Nachbarn wächst. Frankreich liegt mit seinen 58 Reaktoren nach den USA weltweit an zweiter Stelle und nutzt zu 80 Prozent Atomstrom.

Mit weitreichenden Folgen: In der Normandie ist die Atomindustrie ein wichtiger Arbeitgeber. Neben den Kraftwerken in Flamanville steht dort auch die Wiederaufbereitungsanlage von La Hague. Und eine weitere Kernkraftanlage ist im Bau: Allein auf dieser Baustelle sind derzeit 3.400 Menschen beschäftigt. Die französischen Atomkraftgegner haben nur wenig Hoffnung, dass sich der Bau des Reaktors noch stoppen lässt. Das zylinderförmige Reaktorgebäude ist so gut wie fertig. Nach Angaben des Stromkonzerns EDF ist der Reaktor so gebaut, das er selbst den Aufprall eines abstürzenden Flugzeugs überstehen würde. Ans Netz soll er 2014 gehen.

"Wir verlangen nicht einmal den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft, aber ein Ausstieg in fünf bis zehn Jahren sollte das Ziel sein", meint Anger. Er hoffe, dass in Folge der Katastrophe in Japan die Stimmung in Frankreich umschlage und der allgemeine Atomkonsens bröckele. Präsident Nicolas Sarkozy hat bereits erklärt, dass ein Ausstieg für Frankreich weiterhin nicht infrage komme. Einer seiner Berater mutmaßte sogar, dass die französischen Atomexporte von den Ereignissen in Japan profitieren könnten, da diese die Nachfrage nach besonders sicheren Atomkraftwerken steigerten.

Tschechische Republik

Die tschechische Regierung hat Forderungen nach einer vorübergehenden Abschaltung des umstrittenen Kernkraftwerks Temelin entschieden zurückgewiesen. Dafür gebe es nicht den geringsten Grund, sagte Ministerpräsident Necas am Donnerstag in Prag: "Die tschechische Regierung müsste eine Gruppe von absolut Verrückten sein, um auf so etwas einzugehen." Eine Abschaltung der Atommeiler Dukovany und Temelin, die zusammen ein Drittel der Energieerzeugung Tschechiens sicherstellten, würde den "wirtschaftlichen Kollaps" des Landes nach sich ziehen. Im Gegenteil setze die Regierung fest auf die geplanten Erweiterung Temelins um zwei Reaktorblöcke, sagte Necas.

Tschechische Umweltschutzorganisationen hatten Necas in einem offenen Brief aufgefordert, seine Atompolitik angesichts der Havarie in Japan zu überdenken. "Im AKW Temelin muss endlich die verpfuschte und die Sicherheit gefährdende Reparatur an den Schweißnähten des Primärkreislaufs untersucht werden", sagte Jan Rovensky von der tschechischen Greenpeace-Sektion der Nachrichtenagentur dpa.

Großbritannien

Pilgerziel Atomkraftwerk: In Dungeness steht neben dem Reaktor der 1901 erbaute Leuchtturm, eine Touristenattraktion. Foto: dpa/Cordula Donhauser

Die britische Regierung hält die - vorläufige - Schließung deutscher Atomkraftwerke nach der Katastrophe in Japan für völlig übertriebenen Aktionismus. "Hastige Entscheidungen" sieht Energieminister Chris Huhne, wenn er über den Kanal auf den Kontinent blickt. Die Briten gehen mit dem Problem Atomkraft entspannter um als viele Kontinental-Europäer.

Großbritannien deckt derzeit etwa 20 Prozent seines Energiebedarfs aus Atomkraft - 19 Reaktoren in zehn Kraftwerken sind am Netz. Fast alle stammen noch aus den 1980er Jahren. Sie sollen bis 2035 schrittweise abgeschaltet werden. Bis zu zehn neue Atomkraftwerke sollen entstehen. Dass die nukleare Energiequelle verzichtbar ist, glauben auf der Insel die wenigsten. "Die meisten Alternativen sind Illusionen", schreibt der linksliberale "Guardian", und Kohle als gangbarer Weg sei klimaschädlich.

Israel

Die Atomkatastrophe in Japan hat im jüdischen Staat erstmals eine öffentliche Debatte über die Sicherheit des fast 50 Jahre alten Atomreaktor in Dimona in Gang gebracht: "Es ist an der Zeit, dass wir unsere Politik hinsichtlich des Reaktors neu überdenken", sagte der linksorientierte Knesset-Abgeordnete Dov Chanin. Er fordert eine zivile Kontrolle der am strengsten überwachten Anlage in Israel. "Das Thema darf nicht mehr von einem Nebel der Geheimhaltung verhüllt bleiben." Nach Angaben des Internetportals GlobalSecurity.org wird in dem Reaktor das Plutonium für Israels Atomwaffen hergestellt. Die Existenz der Kernwaffen wird offiziell jedoch nicht bestätigt – und so bleibt auch die Aufgabe des Reaktors unklar.

Experten warnen jetzt offen vor Sicherheitsmängeln in dem Reaktor in Dimona. Der Chemieprofessor Uzi Even, der früher selbst in der Anlage gearbeitet hat, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag: "Dieser Reaktor ähnelt in seinem Aufbau sehr denen, die in Japan explodiert sind, und hat dieselben Schwächen." Besonders gefährdet sei das Kühlsystem, das "einen Zusammenbruch der ganzen Anlage" auslösen könne, erklärte Even.

Seit Jahren sagen Experten ein schweres Erdbeben in der Region voraus. Israel liegt am syrisch-afrikanischen Grabenbruch, der Schnittstelle zwischen Afrika und Asien, der durch die Reibung der Kontinentalplatten Erderschütterungen begünstigt. Andere Gefahren drohten dem Reaktor durch mögliche Raketen- oder Flugzeugangriffe aus der Luft oder sogar einem Selbstmordanschlag von innen, sagte Even. Immerhin hat die Atomkatastrophe in Israel schon für einer überraschenden Kehrtwende gesorgt. Regierungschef Benjamin Netanjahu beschloss am Donnerstag, Pläne für einen neuen Meiler endgültig über Bord zu werfen. Das berichtete jedenfalls der israelische Rundfunk.

Türkei

Die Katastrophe in Japan hat die Pläne der türkischen Regierung für den Bau von zwei Atomkraftwerken nicht erschüttert. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gibt sich unbeirrt. Er spielt besondere Gefahren von Atomunfällen herunter und verspricht seinem Volk eine technische Lösung für das Wagnis, in der immer wieder von schweren Erdbeben betroffenen Türkei solche Anlagen zu errichten. "Es gibt keine Investitionen ohne Risiko." 

In Ankara wurden in den vergangenen Tagen Gespräche über den Bau eines Atomkraftwerkes in Sinop am Schwarzen Meer geführt. Die Anlage soll nach den Vorstellungen Ankaras bis 2023 fertiggestellt werden. Ein erstes Kraftwerk will die türkische Regierung aber am Mittelmeer errichten lassen. Russische Unternehmen sollen in Akkuyu im Süden des Landes vier Reaktorblöcke mit einer Leistung von insgesamt 4800 Megawatt bauen. Das Projekt soll etwa 15 Milliarden Euro kosten und 2020 fertig sein. Der staatliche russische Kraftwerkbauer Atomstroiexport hatte sich als weltweit einziges Unternehmen um den Bau beworben. Allerdings ziehen sich aktive geologischen Verwerfungslinien durch die Türkei. Die Kammer der türkischen Elektroingenieure warnte, der geplante Standort Akkuyu liege nur 25 Kilometer von einer solchen Verwerfungslinie entfernt. "Unsere Warnungen, ein Atomkraftwerk nicht in einem Erdbebengebiet zu bauen, werden ignoriert", kritisierte die Kammer.

China

Noch am Montag hatte der Große Volkskongress - Fukushima hin oder her - unverdrossen einen gigantischen Ausbau der Kernenergie in China beschlossen. Zwei Tage später kam die Wende. Peking setzte die Genehmigung neuer Kernkraftwerke zunächst aus und will die Freigabe von weiteren Sicherheitstests abhängig machen. "Sicherheit ist unsere Top-Priorität", betonte das Kabinett unter Leitung von Ministerpräsident Wen Jiabao. Noch ist unklar, ob die 25 derzeit im Bau befindlichen Reaktoren von den neuen Sicherheitsprüfungen betroffen sein werden. In Betrieb befindliche AKWs werden nicht abgeschaltet. Jedoch sollen alle laufenden Reaktoren und Reaktorbaustellen auf die Sicherheit hin überprüft werden. Bisher sind 13 Reaktoren mit 10,8 Gigawatt Leistung im Reich der Mitte im Betrieb, 25 sind im Bau und 50 in Planung.

In der chinesischen Bevölkerung blieb die Katastrophe von Fukushima jedenfalls nicht ohne Konsequenzen. In Peking, Shanghai und vielen anderen Städten kam es zu Panikkäufen von Jod-Tabletten und Salz. Beobachter werten dies auch als deutlichen Zeichen dafür, dass die Chinesen der Informationspolitik ihrer Regierung nicht viel Glauben schenken.

Lateinamerika

Lange Zeit führte die Atomkraft in Lateinamerika eher ein Schattendasein. Nur in drei Ländern - Mexiko, Brasilien und Argentinien - gibt es zurzeit überhaupt Atommeiler, die jeweils nur einen geringen Anteil zur Gesamtstromerzeugung beisteuern. In Brasilien soll zusätzlich zu den zwei bestehenden Druckwasserreaktoren im Atomkraftwerk Angra bis 2015 ein dritter Reaktor ans Netz gehen. Vier weitere Reaktoren sind noch nicht über das Planungsstadium hinausgekommen. In Argentinien steht ein weiterer Block, Atucha 2, kurz vor der Fertigstellung. Chile wollte am kommenden Freitag - kurz vor dem Besuch von US-Präsident Barack Obama - ein Kooperationsabkommen mit den USA zur Entwicklung der Atomtechnik unterschreiben. Das Land liegt in einer Region mit extrem vielen Erdbeben. Erst vor gut einem Jahr verwüstete ein Beben fast so stark wie das in Japan weite Teile des Landes.

Einzig Venezuela macht eine 180°-Drehung: Präsident Hugo Chávez ist für eine Abwendung vom Atomstrom. Nachdem er erst im vergangenen Jahr bei einem Moskau-Besuch eine Vereinbarung über den Bau eines russischen Kernkraftwerkes in dem an Erdöl und Erdgas reichen Land angekündigt hatte, zog er jetzt die Notbremse: Er habe angeordnet, die Atompläne angesichts der "schmerzenden Bilder aus Japan" sofort auf Eis zu legen. Es bleibt zu wünschen, dass das Eis dauerhaft ist und nicht in Kürze wieder abgetaut ist.

dpa