Inklusion: Jessica will nicht auf eine Förderschule

Inklusion: Jessica will nicht auf eine Förderschule
UN-Behindertenrechtskonvention: Nach geltendem Recht müsste Jessica der Besuch einer Regelschule ermöglicht werden. Denn alle Kinder mit Benachteiligungen haben einen Anspruch, an regulären Schulen unterrichtet zu werden. Der entscheidende Fachbegriff lautet "Inklusion".

Jessica Möller ist ein fröhliches Mädchen. Sie schwimmt gerne, geht zum Judo und verabredet sich am liebsten mit ihren Freundinnen. Die Zehnjährige besucht die vierte Klasse einer Grundschule in Osnabrück. Das Lernen macht ihr Spaß, obwohl es ihr viel schwerer fällt als den Klassenkameraden. Sie bekommt häufig andere Aufgaben und Hilfen durch eine Förderlehrerin. Jessica hat eine Lernschwäche. "Na und?", sagen ihre Mitschüler.

"Sie ist super integriert und hat von den stärkeren Schülern enorm profitiert", sagt ihre Mutter Silke Möller. "Da ist es doch widersinnig, dass sie nach der Grundschulzeit im Sommer eigentlich auf eine Förderschule für Lernbehinderung soll." Die Förderschule wäre für Jessica Möller der normale Weg. Nur 18 Prozent aller behinderten Kinder werden in Deutschland in Regelschulen unterrichtet, vor allem in Grundschulen. In weiterführenden Schulen ist ihr Anteil sehr gering.

Nach geltendem Recht jedoch müsste Jessica der Besuch einer Regelschule auch weiter ermöglicht werden. Am 26. März 2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft. Danach haben alle Kinder mit Benachteiligungen einen Anspruch, an regulären Schulen unterrichtet zu werden. Der entscheidende Fachbegriff lautet "Inklusion". Er meint die selbstbestimmte und selbstverständliche Teilhabe aller an der Gesellschaft.

"Inklusion meint wirklich alle"

Dahinter stehe ein neues Gesellschaftsmodell, urteilt die Kinderkommission des Deutschen Bundestages. Behinderung ist danach eine normale Variante des menschlichen Lebens. Der behinderte Mensch steht nicht außerhalb und muss erst noch integriert werden. Er gehört ganz selbstverständlich dazu. Also muss die Gesellschaft in allen Bereichen und somit auch in der Bildung die Voraussetzungen schaffen, dass jeder teilhaben kann.

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Ein solches Gesellschaftsmodell könnte, konsequent umgesetzt, die deutsche Schullandschaft umkrempeln, meinen Experten. "Denn im viergliedrigen Schulsystem mit Förderschulen, Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien ist Inklusion nicht möglich", sagt Anne-Dore Stein, Professorin an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt. Sie leitet den Studiengang für inklusive Erziehung. "Inklusion meint wirklich alle", sagt sie.

Stein denkt etwa an Claas, den sie selbst als Heilpädagogin einst in einem Regelkindergarten betreute. Er war geistig behindert und gehörlos, saß im Rollstuhl und konnte kaum die Hände bewegen. Während eines Projektes hatte er die Aufgabe, immer wieder einen Lichtschalter zu bedienen. "Für Claas ging es um die Auge-Hand-Koordination. Für die anderen war es der entscheidende Moment unseres Experimentes. Alle Kinder warteten gebannt auf seinen Einsatz. Und Claas hat es geschafft." Die Expertin weiß aus Erfahrung, dass eine entsprechende Zusammenarbeit etwa zwischen Therapeuten und Lehrern auch in Schulen umsetzbar ist.

In vielen Ländern in Skandinavien, in Italien oder Kanada wird Inklusion in Kindergärten und Schulen längst flächendeckend praktiziert. "Dort gibt es überhaupt keine Fördereinrichtungen", berichtet Stein. "Die Pädagogen dort verstehen gar nicht, wozu man in Deutschland zehn verschiedene Arten von Förderschulen braucht."

Nötiger Wechsel im Schulsystem

Die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention geht in den Bundesländern unterschiedlich schnell voran. Am weitesten ist Bremen. Dort sollen bis 2017 die Förderschulen umgewandelt werden in Zentren für unterstützende Pädagogik, sagt Simone Seitz, Professorin für inklusive Pädagogik. Sie sollen jeweils an die allgemeinbildenden Schulen angedockt werden. Allerdings soll es Ausnahmen geben etwa für Hör- und Sehbehinderte. Auch Seitz hält auf lange Sicht einen Wechsel im Schulsystem für nötig.

Das sieht der Präsident der Kultusministerkonferenz, der Niedersachse Bernd Althusmann (CDU), ganz anders. Die Inklusion müsse keine Folgen für das differenzierte Schulsystem haben. Fortbildungen und eine Umstellung der Lehrerausbildung seien zunächst notwendig. Nicht in allen Fällen sei jedoch "gemeinsames Lernen" die sinnvollste Lösung.

Die Inklusion von Schwerstbehinderten, Autisten oder Gehörlosen könnten sich die meisten tatsächlich nicht vorstellen, sagt Pädagogin Stein. Dass aber gerade die Inklusion dazu führe, dass eine "Restgruppe" ausgeschlossen werde, dürfe auf keinen Fall passieren, warnt sie. Deshalb seien mehr qualifiziertes Personal und eine entsprechende Ausstattung notwendig. Auf Dauer sei eine inklusive Bildung aber sogar kostengünstiger als die vielen Förderschulen.

Auf einen Wandel des deutschen Bildungssystems können Jessica und ihre Mutter nicht warten. Mit einem eigens gegründeten "Netzwerk Inklusion" will Silke Möller die Sache vorantreiben: "Die sollen doch endlich mal anfangen." Für den Regelschulbesuch ihrer Tochter würde sie sogar klagen. Aber Jessica hat wahrscheinlich Glück. Die neue Integrierte Gesamtschule in Osnabrück will künftig auch behinderte Schüler aufnehmen, sagt Schulleiter Stefan Knoll. Der entsprechende Antrag liege bereits beim Kultusministerium.

epd